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FRIEDEN? DAS WAR GESTERN.
Auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses sitzen brav ein paar Tauben auf einem bizarren Metallgitter, das meiner Generation noch als FERNSEHANTENNE kenntlich ist. Die Skulptur von Stäben diente dem Empfang modulierter elektromagnetischer Wellen, die zunächst Hörfunk (welch ein Wort), dann auch Filmisches übertrugen. Da die Wellen sich wie Licht verbreiteten, sprich gradlinig, zierten die Sender Bergkuppen und Hochhäuser und die Empfänger die Dächer in deren Richtung. Und es gab die Täler der Ahnungslosen.
Warum man auf „Kurzwelle“ trotzdem um die Welt kam, das kriegen wir später. Jetzt hat sich die Verbindung ins Internet ohnehin in den Weltraum (welch ein Wort) verlagert und ermöglicht den einen die Kriegsführung, den anderen ein „adult TV“, auch im afrikanischen Busch. Beides fasziniert mich nicht. Bei mir sitzen die Tauben auf dem technischen Relikt einer „terrestrischen“ Übertragung und scheißen gelangweilt auf‘s Dach.
Der Sprung vom Manuskript (dem von Hand Geschriebenen) zum Buchdruck hat die Welt verändert; jener vom Papier (zunächst Ziegenhaut, dann tote Bäume) zum Elektronischen noch einmal deutlich stärker. Man weiß noch nicht, was darauf folgt, ich vermute der Chip im Hirn, womit man endlich wieder die Hände frei hat und die Seele verkauft. Geblieben sind die blöden Vögel als Friedenssymbol. Völlig unpassende Wahl, auch wenn sie angeblich gelegentlich Olivenzweige im Maul führen.
Ohnehin ist das ganze Friedensgelaber out. Die SPD zieht mit Plakaten in den Wahlkampf, die deren Schergen als KÄMPFER feiern und dazu auffordern, an deren Seite mitzukämpfen. Kämpfer? Spartakus? Rotfrontkämpfer? Hatten wir das nicht schon mal? Ja, im Begriff des Klassenkampfes. Mit so ein wenig Lenin und einer Prise Frontkämpfer zieht es die Sozis in die neue Zeit. Otto Wels und ich sind tief irritiert. Ausgerechnet die Genossen mit militarisierter Rhetorik. Das ist sie, die neue Zeit? Ich halte es wie die Tauben; ich scheiß drauf.
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KORREKTUR.
Hier ist der Eindruck erweckt worden, dass der Bundeskanzler das Ende der Ampel-Koalition mit der willkürlichen Entlassung des Finanzministers herbeigeführt habe und sich dabei einer vorbereiteten Rede bedient, die Christian Lindner mehrfach persönlich angriff; eine Ehrabschneidung wurde konstatiert. Das ist nach jüngstem Stand zu korrigieren.
Die FDP sieht sich gezwungen, ein internes Arbeitspapier zu veröffentlichen (weil schon durchgesickert), in dem der Koalitionsbruch als PR-Manöver detailliert geplant wurde. Skandalös ist der dabei verwendete Jargon, der PR-Sprech mit unpassenden historischen Schlagwörtern verbindet (D-Day, Feldschlacht). Ich habe an meiner Kritik am Stil der SPD nichts zurückzunehmen, aber doch die Annahme, dass die FDP Opfer dessen gewesen sei. Keine Dolchstoßlegende!
Wenn rhetorisch so kräftig ausgeteilt wird, wie das hier gelegentlich geschieht, wird man Fehleinschätzungen genau so klar einräumen müssen. Ich war getäuscht und habe getäuscht. Mea culpa. Im Ergebnis ist es wie bei Zeugen von Ehescheidungen im Privaten: Wer sich dazu verleiten lässt, einer der beiden Parteien Glauben zu schenken, steht am Ende als Trottel da.
Zu dieser Blamage kommt die des Fachs: Was an PR-Geschwätz so alles aufgeschrieben wird und dann als Geheimpapier seinen Weg in die Welt findet, ist peinlich. Die Autorin dieses Acht-Seiters ist eine verantwortungslose Schwätzerin. Meine Liebe: Schrift ist Gift! Ob sich die politische Person Lindner von dieser Entgleisung erholt, weiß ich nicht; vielleicht feiert das Ganze der harte Kern der Liberalen, der hier glaubt in der Normandie gelandet zu sein, ja als Heldentat.
Ich sage: Verzockt. Ich fühle mich getäuscht. Und meiner Muttersohn pflegt so was nicht zu vergessen. Die alte Dame hatte ohnehin ein Bild von dem Feldherrn dieser Feldschlacht, das, wenn in ihren Worten geäußert, heutzutage dazu führt, dass morgens um sechs die Kripo kommt und den Laptop mitnimmt. Im Ergebnis sind jene bestätigt, die Politik für ein schmutziges Geschäft halten. Die AfD ist im Felde unbesiegt.
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PROVINZ WIDERWILLEN.
Gestern Vortrag des Staatsministers für die neuen Bundesländer; es war was zu lernen. Der Länderfinanzausgleich, der für annähernd gleiche Lebensbedingungen in den Regionen sorgen soll, richtet seine Umverteilung nach der Kopfzahl. Damit führt die Entvölkerung zu einer weiteren Verschlechterung in den betroffenen Regionen. Ein ernsthaftes Thema. Es gehen die Jungen, die Höherqualifizierten und die Frauen; es bleibt der Rest. So entstehen Provinzen wider Willen und es gewinnen unverdient die Metropolen.
Was dem entgegenwirken kann, ist Strukturpolitik. So gehören dann etwa neue öffentliche Einrichtungen in die Provinz; gut so. Von einem Gewerkschaftsvorsitzenden habe ich aber erst kürzlich gehört, dass man für fordernde Industriearbeitsplätze, etwa der Schichtarbeit, in der tiefen Provinz keine Leute finde. Als meine Familie aus dem Ostpreußischen ins Ruhrgebiet zugewandert ist, war dies die Ödnis, die es heute wieder ist; dazwischen der Boom. Man muss den Wandel gestalten wollen. Die Weltwirtschaft hat keinen Respekt vor Erbhöfen.
Mir scheint dabei das BÜRGERGELD ein falsches Signal; ich sage das ohne Schaum vor dem Mund und einem prinzipiellen Respekt vor Arbeitnehmern. Die Forderung des FORDERNS & FÖRDERNS scheint mir noch immer rechtens. Der eingangs zitierte Staatsminister, ein Sozialdemokrat, wünscht sich vom Osten dazu auch noch Gastfreundschaft gegenüber Zuwanderern, ganz gleich ob aus dem deutschen Westen oder dem europäischen Ausland oder gar gegenüber Flüchtlingen.
Damit stoßen sich die Dinge im Raum. In der residualen Bevölkerung fischt die AfD. Hinzukommt die Regelungswut der Europäischen Kommission, die eine Meinung dazu hat, was ein Stadtwerk hierzulande darf oder eine Sparkasse. Schließlich eine gereizte Stimmung gegenüber der grünen Interventionsbereitschaft. In der Summe empfinde ich Respekt gegenüber den Politikern der Provinz.
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KRIEG. NOCH EINER.
Wer den Frieden will, soll der den Krieg vorbereiten? Schwieriger Leitsatz. Er sollte zumindest fürchten, dass sein Nachbar so denkt. Versuch über SKEPSIS als politische Tugend.
Die USA haben ISRAEL jüngst wieder versichert, dass sie nicht zulassen werden, dass der IRAN sich selbst mit ATOMWAFFEN ausstatte. Das höre ich in den Nachrichten. Und den Satz des israelischen Regierungschefs, im Zweifel helfe nur Gewalt („force“). Und die iranische Antwort, dass man darauf pfeife. Der Iran betreibt Anlagen zur Urananreicherung, angeblich für friedliche Zwecke. Komplexe Situation.
Ich hab keine Lust auf einen weiteren Krieg, auch nicht als unbeteiligter Dritter. Dabei steht außer Frage, dass das Existenzrecht des Staates Israel Teil der deutschen Staatsräson ist. Darüber kann es gar keine Diskussion geben. Mir geht etwas durch den Kopf, was weniger gewichtig und etwas unzeitgemäß ist. Das hängt damit zusammen, dass ich den gemeinsamen Teil der zivilen und der militärischen Nutzung der Kernenergie kennengelernt habe.
Es geht um URANANREICHERUNG, an der nicht nur wir im münsterländischen Gronau werkeln, sondern die benachbarten Niederländer und die Engländer; alle drei in einem Konsortium. In den Gronauer Uranzentrifugen wird die seltenen Isotope U235 im U238-reichen Uran angereichert; erst danach eignet sich „das angereicherte Atom“ (welch ein Wort) zur Herstellung von Brennelementen für Kernkraftwerke (übrigens auch bei uns, im niedersächsischen Lingen/Ems).
Der Betrieb der Uranzentrifugen mag harmlos sein, wie die Betreiber versichern; der gezielte Missbrauch ist es nicht. Diese Anreicherung braucht es nämlich auch zur Herstellung von Kernwaffen. Beide Verwendungen haben also eine gemeinsame Vorstufe; politisch doof, aber Physik. Deshalb verfolgt man auch die zivile Nutzung mit so großem Interesse und im Fall des Iran mit berechtigtem Interesse. Bei der Verwendung des abgereicherten Urans, auch noch ein Wertstoff, sagt man mir, gab es übrigens eine enge Kooperation mit Russland seitens des englisch-deutsch-niederländischen Konsortiums. Ich weiß nicht, ob das jetzt ausgesetzt ist, wüsste aber gern, was in der Frage dort so vor sich geht. Man sollte seine Nachbarn nicht allein lassen; über den Zaun schauen.
Die ganze Welt denkt nuklear; der deutsche Michel lebt in einer eingebildeten Idylle. Da international das größte Interesse nicht in Windmühlen, sondern in der Kernkraftentwicklung liegt und hier schon die Physik zur Skepsis zwingt, sollten doch möglichst viele Verschränkungen die höchste Kontrolle ermöglichen. Es gäbe dann neben den nationalen und internationalen Aufsichtsbehörden auch eine strukturelle Legitimation für gegenseitige Skepsis. Es kann für meine Begriffe daher gar nicht genug Kooperationen und damit Verträge der gegenseitigen Kontrolle, sprich Interdependenz geben.
Das ist ein naiver Gedanke (weil die militärische Nutzung natürlich geheim ist), vielleicht sogar ein unpolitisches Konzept. Aber die kooperative Skepsis aller gegen alle, die ist vielleicht doch eine Haltung, die Frieden erhält. Auf das Zeug sollte man ohnehin aufpassen; das ist keine Politik, sondern Physik.