Logbuch

MUTTERLÄNDISCHES.

Debatte um Nationales, weil in unterschiedlichen Verkleidungen wieder die Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ auftaucht, sprich das völkische Konzept einer abstammungsidentischen Monokultur. Hühnerzucht. Historisch immer verbunden mit einer Exilierungspraxis, der Zwangsneurose der „Säuberung“. Vaterländische Idiotie. Das ist vor allem bitter, wenn man es von den eigenen Urgroßeltern ab besser wissen könnte.

Das Vaterland war für meine Familie eine politische Floskel der Kaisertreuen. Hurra und Säbelrasseln. Innerhalb der Familie hatten ohnehin die Frauen das Sagen. Mutterland. Mein Urgroßvater wanderte aus Ostpreußen zu, weil er „Pferdeverstand“ hatte und mit Grubenpferden konnte. Er sprach, obwohl aus dem heutigen Russland, Deutsch und war evangelisch gestimmt. Zeitgleich arbeitete Italiener im Ruhrbergbau, katholisch wie die Nacht und von cäsarischer Statur, meint untersetzt. Man kann nicht ausschließen, dass meine Großmutter väterlicherseits fraternisiert hat. Man nimmt Italienisches wahr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ins ehemals bäuerlich geprägte Ruhrgebiet wanderten dann Bergleute aus Polen zu, Katholische, die die Heilige Barbara verehrten. Danach kamen Kumpel aus der Türkei, die ihre muslimische Kultur mitbrachten und pflegten. Vieles assimilierte. Sagt der türkische Steiger: „Franteck, bring mich die zwei beiden Motecks!“ Und der polnische Hauer verstand ihn. Man muss wissen, dass Bergleute Kumpel sind, weil Angehörige einer Gefahrengemeinschaft; das schweißt zusammen, auch wenn unterschiedliche Gebetsbücher. Man hat hier keine Säuberungsneurosen. Die Montanen wissen: „Vor Hacke ist duster!“

So sind wir an der Ruhr alle Migranten unterschiedlicher Heimaten und alle Kumpel; die paar Doofen hierzulande sind die autochthonen Eingeborenen, sprich Bauern; aber wir lassen es sie nicht spüren. Dann kamen Araber aus Nordafrika. Zu den arabischen Clans darunter haben wir eine Meinung. Da stimmt schon deshalb etwas nicht, weil dort die Mütter nicht das Sagen haben. Dass sich auf unsere aufgeklärte Montankultur im Erzgebirge und sonstigem Osten die Faschos setzen, tut in der Seele weh. Ja, leider auch hier hört man Vaterländisches, wo „unsern Mutterland“ ist. Mutterland, das ist ein utopisches Konzept, über das nachzudenken sich politisch lohnte.

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REINHEIT DES VÖLKISCHEN.

Der sich genial gebende Verleger des Internet-Dienstes, den auch ich nutze, schreibt dort als seine Meinung, dass eine Nation durch eine gemeinsame Kultur („common culture“) gestiftet werde; ohne diese kulturelle Homogenität sei es keine Nation. In der praktischen Konsequenz heißt das wohl, dass man nicht kompatible Mitglieder zu entfernen gedenkt.

Fachliche Anmerkung: Das ist schlicht falsch. Ein Staat ist ein juristisches Bündnis, das sich praktisch durch einen Pass ausweist. Staatsbürgerschaft ist ein juristisches Privileg. Aber es gibt die eigenartige Vorstellung meines Verlegers durchaus historisch. Sie nennt sich im Deutschen „Volksgemeinschaft“ und ist der Kerngedanke des Faschismus.

Mein Verleger ist zudem, das sei zusätzlich angemerkt, in die USA emigrierter Bure. Er variiert diese Zugehörigkeit rhetorisch, indem er statt der holländischen Wurzeln englische reklamiert. Jedenfalls kolonialer Weißer. Wir reden über historische Begriffe des südafrikanischen Apartheid-Regimes.

Wollte ich kurz angemerkt haben.

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MALTA. JALTA. MERZ.

Reden wir über Bilderkunde. Historische Ikonographie. Ich sehe in den Nachrichten die politischen Köpfe Europas zusammen mit dem Präsidenten der Ukraine. England hat eingeladen, der französische Präsident ist gekommen und der deutsche Kanzler. Die politische Logik der Bilder besteht in der Lücke. Es fehlt mit Ankündigung und voller Absicht der amerikanische Präsident. Und sein holländischer Pudel von der NATO. Das ist, wie man so sagt, der Elefant im Raum. Und es gibt drei unsichtbare Gespenster. Der Reihe nach.

Das historische Malta-Foto war bestückt mit Roosevelt, Churchill und Stalin. Es wurde mit den Dreien als Siegermächten damals die Nachkriegsordnung beschlossen, nachdem der von Deutschland angezettelte Weltkrieg gründlich verloren war. Jetzt in London gab es nichts zu beschließen. Die Russen haben ihren Krieg noch nicht gewonnen und die Ukraine ihren noch nicht verloren. Kern der Situation ist, dass die Schutzmacht keine Böcke mehr hat. Scheckbuch beiseite gelegt; es werden künftig Wechsel geritten. Wer das für ausgeschlossen hielt, liegt falsch.

Noch ein Irrtum. Denn historisch war es nicht das englische Malta, die Insel der Kreuzritter, sondern Jalta, das Seebad auf der Krim; dahin hatten die Russen eingeladen. Auf ihr Territorium. Keine Elefanten im Raum. Auf dem Foto aus London fehlen zudem Madame LePen, Frau Alice Weidel und Nigel Farage; sie sitzen aber dem französischen Präsidenten, dem deutschen Bundeskanzler wie dem englischen Premierminister im Nacken. Alle drei Gespenster wissen sich der inneren Zuneigung der ehemaligen Schutzmacht gewiss. Der Hegemon ist nämlich neuerdings nachdrücklich rechts gestimmt.

Zum Schluss eine innenpolitische Anmerkung zu Friedrich Merz. Ich teile seine parteipolitische Ambition eher nicht, aber LAND VOR PARTEI. Ich finde, er macht seinen Job so schlecht nicht. Nicht nur in Malta. Überhaupt. Das Land ist gut regiert. Dass er Merz noch mal lobt, darüber staunt mein Vers.

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KLUG. NICHT SCHLAU.

Eine Opernarie klingt in meinen Ohren: „Oh, ich bin klug und weise, mich betrügt man nicht.“ Man darf erwarten, dass wer so von sich denkt, bald eines besseren belehrt wird. Weil im Leben die Schlauen herrschen, nicht die Klugen.

Ein junger Journalist freut sich, dass ein Branchenblatt ihn zu den Top 30 der Zunft zählt. Das sei ihm gegönnt. Ich habe ihn mal kennengelernt und als sehr sympathisch empfunden. Dann gibt er aber dazu ein Interview, in dem er herausstellt, dass eine Kollegin (sic) ihm mal gesagt habe, die WAHRHEIT sei KONKRET; das gebe ihm stets zu denken. Aha.

Nun, diese Kollegin heißt Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Ich lese die Passage in seiner Geschichte der Philosophie noch mal nach. Für den flüchtigen Leser schwere Kost. Aber das Zitat ist zu Ehren gekommen. Lenin hat es politisch missbraucht und Brecht literarisch. Seine Popularität besteht in der Unbestimmtheit. Ein ideales Motto. Eine Chiffre. Es klingt markig und verpflichtet zu nichts. So ein bisschen wie die Songs von Bob Dylan. Authentisch halt. Leicht dahergesagt, inhaltsschwer klingend, am Ende aber doch ein leeres Rätsel.

Was also will die Freundin namens Hegel? Es sei die Aufgabe der Philosophie, der VERSTANDESERKENNTNIS etwas gänzlich anderes entgegen zu halten, die VERNUNFT. Der Verstand erschien ihm, dem alten Hegel, abstrakt, die Vernunft dagegen als konkret, weil sie auf das WAHRE ziele. Und die WAHRHEIT, das hatten wir schon, ist KONKRET. Diese Philosophie hat etwas vertracktes; ein gesunder Menschenverstand verzweifelt an ihr, weil er einfach nicht weiß, wovon sie spricht. Zumal, wenn sie den belehrenden Zeigefinger im Namen der Vernunft erhebt, die den Verstand zu belehren gedenkt.

Dem Stahlunternehmer und Bonvivant Jürgen Großmann verdanke ich ein Wort über einen anderen Herrn, der hier wie überhaupt der Erwähnung nicht wert ist. Er sagte, dieser, der Gescholtene, sei SCHLAU, aber nicht KLUG. Das Schlaue, die vielen kleinen Kalküle, die Ränkespiele und Intrigen, das wäre dem alten Hegel zu abstrakt; das Kluge, die Erkenntnis höherer Wahrheit, dagegen konkret. Nun gut, das klingt klasse, aber verstehen, verstehen tue ich es letztlich nicht.

Im Journalismus, jedenfalls dem investigativen, meint KONKRET etwas anderes, nämlich vornehmlich das Deftige. Beispiel: Bedeutungsschwere Bilanzen, wenn sie als Skandal fliegen sollen, brauchen „Nutten und Koks“. Darum fliegt Wirecard, aber CumEx fliegt eben nicht. Zu wenig Banalitäten zur Bedienung der niederen Instinkte. Unter uns: Darum ging es Hegel für meine Begriffe eher nicht.