Logbuch

NATÜRLICHE INTELLIGENZ.

Das Staunen darüber, was Apparate so alles können, hat zu der Erfindung der „Künstlichen Intelligenz“ geführt, kurz KI genannt oder AI, nach der „artificial intelligence“; wie alle Moden eine Prahlerei mit Halbwahrheiten. Auf der Straße gegenüber steht ein Batterieauto mit KI, das ständig seine Umgebung filmt und die Daten nach Kalifornien sendet. Ich weiß nicht, was daran intelligent sein soll. Im Gegenteil, ich hätte Lust, den Stecker zu ziehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich interessiere mich neuerdings, wenn auf dem Land, für „plant intelligence“, das ist die Welt der „planta sapiens“, in der man den „light eaters“ eine eigene Form von Verstand abringt. Nein, ich meine nicht jenes Gras, das man seit Neuerem legal rauchen darf. Es geht ernsthaft darum, dass sich der suchende Blick nach einer anderen Intelligenz nicht in den Himmel richten sollte, sondern auf den Boden. Wer jemals einem Baum beim Wachsen zugesehen hat, der ist weit entfernt davon, die Natur für doof zu halten.

Biologen der „new science of plant intelligence“ finden planvolles Verhalten und Kommunikation unter Pflanzen; sie stellen die klassische Hierarchie infrage. Bisher war das Gras blöd, die Kuh, die es frisst, bei Verstand und der Bauer ein vernunftbegabtes Wesen. Darüber gab es noch den Lebensmittelkaufmann von Lidl und ganz oben den Banker und dann allenfalls noch den lieben Gott. Wir denken Intelligenz hierarchisch entlang der Nahrungskette. Welch eine Arroganz.

Man beobachtet nämlich nun, wenn der Blick verändert, Wurzeln, die vorausdenken, Blüten mit Zeitgedächtnis und kooperative Parasitenbekämpfung unterschiedlicher Arten. Gibt es unter Pflanzen gar ein gesellschaftliches Leben? Die Freunde der PI (Wortbildung von mir) glauben gar an ein neues Verständnis des „life on earth“, was mir eigentlich zu anthroposophisch klingt. Aber in mir sitzt seit Jahren ein Stachel, den ein Ornithologe gepflanzt hat, mit dem ich mal über ein Sponsoring der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft sprach.

Es ging um irgendwelche Orchideen und die Vögel mit den langen Schnäbeln, die sie  bestäuben. Alte Sicht der Dinge: Die Schwirrflügler wollen an den Nektar und sorgen dabei beiläufig für die Fortpflanzung der Blumen, zu der sie durch die Farbe der Blüten angelockt werden. Neue Sicht der Dinge: Die Blumen ändern die Farbe, wenn sie bestäubt werden wollen und locken so die Piepmätze an, die zur Belohnung für die Kopulationshilfe den Honig kriegen. Wer steuert wen?

Herr des Dschungels sind die Pflanzen; was die Nahrungskette rauf dann da noch so kreucht und fleucht, von der Grille bis zum Gorilla, das leistet Hilfsdienste. Gilt dann wohl auch für den Homo Sapiens. Das wär echt ein Ding!

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FRISCHE BRÖTCHEN.

Ein Tag beginnt mit frisch gebrühtem Kaffee. Den Inglesen billige ich eine gute Tasse Tee zu. Aber eigentlich ist es der Kaffee: the lifeblood of all tired man. Neuerdings allerorten auch aus diesen fabelhaften italienischen Maschinen, die die Bistros schon lange zu Orten der Kultur machen.

Dann aber: frische Brötchen. Wer in elenden Vertreterhotels oder miesen Raststätten deren vermeintliche Geschwister hat runterschlingen müssen, diese halb aufgebackenen fahlen Tiefkühlmonster, weiß, was ich leide. Ein frisch gebackenes Brötchen ist durch nichts, rein gar nichts zu ersetzen. Das macht uns zur Hochkultur, nicht Goethe & Schiller.

Auf dem Lande ist eine völlig neue Form des Einzelhandels entstanden, Bäckereien als Cafés, wenn nicht Restaurants, mit stattlichen Parkplätzen. Öffnungszeiten: immer. Elektronisch zahlen: ja gerne. Und das Brötchen frisch im Laden gebacken. Oder doch nur aufgebacken? Das will ich nicht hoffen. Nehmt mir nicht die Illusion.

Dass Frankreich auch eine Kulturnation ist, das zeigt nicht die Haute Cuisine (Bressehuhn in der Kalbsblase), sondern das Baguette, jenes Stangenweißbrot, das gerade so an frische Brötchen heranreicht. Wer hier zweifelt, unternehme das Experiment amerikanischer Herkunft in der Kette, die U-Boote anbietet. Man kann zweiundzwanzig Zutaten wählen, alle werden aber in einen klebrigen Teigschlauch gefüllt, ein Elend eigener Art. Das gleiche gilt für die Teigmantel der Hamburger aller Art. Junk food.

So wie mein Großvater glaubte, dass uns die Leutnants niemand nachmacht, so glaube ich daran, dass das frische Brötchen uns zu einer Kulturnation macht. Dass deren Wesen in Gefahr ist, zeigt allerdings die Aufstrichfrage. Nein, keine Romulazze, keine Margarine, es darf schon GUTE BUTTER sein, im Handel fast nicht mehr erhältlich. Es wird der Tag kommen, da es Butter nur noch vom Koks-Taxi gibt.

In Berlin, wo ich gelegentlich weile, gibt es kein gescheites Brot, weil es keine gescheiten Bäcker gibt, von frischen Brötchen ganz zu schweigen. Zu Zeiten, wo ich die frühmorgens auf dem Land hole, machen hier die Kneipen und Clubs zu. In Metropolen wie der Stadt an der Seine erfüllt im Erwachen der Stadt der Duft frischen Baguettes die Luft, wenn im Moloch an der Spree noch Döner geht. Statt Butter: „Soße Knobbellauch scharf, Bro!“ Alta Schwede, zum Frühstück. Wir sind verloren.

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WAS BELLO DENKT.

Man kennt sich lange und weiß einander zu schätzen. Wäre es nicht ein so großes Wort, man würde von Freundschaft sprechen. Jedenfalls lebt man zusammen wie ein älteres Ehepaar. Und in diesen libertären Zeiten, da gibt es weiß Gott schrägere Beziehungen.

Sein Herrchen, findet er, ist ein Mensch fester Gewohnheiten. Vormittags wie nachmittags, und zwar bei jedem Wind und Wetter, rafft er sich auf und schlendert mit ihm um die Häuser, meist mit dem Ziel Stadtpark. Dort erfüllt er ihm dann den unausgesprochenen Wunsch und erleichtert sich.

Was er nicht versteht, das ist dieser Kult mit den schwarzen Plastikbeuteln, die verstohlen hervorgekramt, zunächst als Handschuh genutzt, dann mit dem aufgenommenen Inhalt geschickt verknotet, um schließlich in der Manteltasche zu verschwinden.

Er ist ja kein schlechter Kerl, warum aber sammelt er Kacke? Was macht er mit all den schwarzen Beuteln? Es könnte im Keller eine Sammlung geben. Am Ende droht gar eine Ausstellung. Bello findet Herrchen seltsam. Er weiß aus Erfahrung, dass Menschen alles zuzutrauen ist.

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SPUKSCHLOSS ELMAU.

Die Welt ist zu Gast in Bayern, in dem alpinen SCHLOSS ELMAU. Wegen seiner Naturschönheit gelobt. Für mich ein Ort der Verlogenheit, eher beängstigend. Es spukt. Angela Merkel erlag dem Charme.

Ich war über all die Jahre nur drei oder vier Mal in dem entlegenen Hotel und bin noch immer irritiert. Die Schönheit der Natur ist so ausgeprägt, dass man von gigantischem Kitsch sprechen könnte, ließe sie den Menschen nicht verstummen. Das war das Kalkül der Gründer. URLAUB VOM ICH sollte hier möglich sein. Eine sehr frugale Restauration unterstützte das.

Ein Wallfahrtsort des Protestantismus. Ich war mit JOHANNES RAU hier, dem späteren Bundespräsidenten, der schätzte, dass die Gäste reinen Herzens beim gemeinschaftlichen Frühstück an Holzbänken von den Töchtern in adretten Dirndl bedient wurden. Bircher Müsli und ein Hauch von König Ödipus. Das war sehr befremdlich. Fast wie in diesem Film mit Jack Nicholsen in dem eingeschneiten Berghotel namens SHINING. Nachts raunte es „Redrum“ auch auf den Gänge von Elmau.

Der Gründer von Elmau war ein protestantischer SEKTENFÜHRER namens Müller, der Erfinder des URLAUB VOM ICH, ein Freund auch jüdischer Kultur wie auch (Achtung!) Verehrer Adolf Hitlers. Ja, das ging. Der Evangele verehrte dessen Ideologie der Volksgemeinschaft. Weil eben auch Hitler einen Urlaub vom Ich vorschwebte. Gruselig, da hilft dann auch die ganze Kulturbeflissenheit nicht. Redrum von hinten lesen! Murder! Der Herrgott war öfters entsetzt und hat die Bude deshalb auch mehrmals abbrennen lassen.

Dann war ich dort als PETER SLOTERDIJK seine legendäre Rede unter dem Titel „Regeln im Menschenpark“ hielt, die eine regelrechte VENDETTA gegen ihn auslöste. Nicht von Dummen, nein, von den Intellektuellen seiner Zeit, die ihn hätten verstehen können, aber es nicht wollten. Eine Schande des Wissenschaftsbetriebes bis heute. Aber er hat Elmau überstanden und lebt nun weltberühmt in Berlin-Zehlendorf oder Klein-Manchow. REDRUM als Rufmord verhindert.

Dann war ich dort auf einem Treffen von Berufskollegen, das ein einschlägiger Verleger als GEHEIMSITZUNG geplant hatte. Es herrschte ein Geist der Verdeckung, den sonst nur Freimaurer kennen. Aber der komplette Abend fand sich in einer Gazette nacherzählt. Bei den Freimaurern wäre das mit dem symbolischen Tod bedroht, hier wähnte man verschwörungsbereit Stasi-Mikros unterm Tisch. Banaler! Da ich die Bewirtungskosten für das Event übernommen hatte, bekam ich bei Abreise alle Belege, auch die zu den Telefonaten vom Zimmer. Mit Zeiten und Nummern. Der Journalist der Gazette war noch nächstens von einem der Teilnehmer angerufen worden. Seitdem nehme ich an Geheimtreffen nicht mehr teil.

Ich geh auch nicht mehr nach Elmau. Und Urlaub hätte ich gern im ICH (nicht von ihm) und schon gar nicht in einem von Evangelen begafften Alpenkitsch. Das mag die Pfarrerstochter aus Meck-Pomm fasziniert haben, mir schmeckt das Müsli der VOLKSGEMEINSCHAFT nicht. Im Übrigen ist eben das kein netter Gedanke für die Sommerfrische, sondern die Zentralkategorie des Faschismus.