Logbuch

CASH AUSSER TESCH.

Im Studium chronisch an Rachenentzündung leidend, durfte ich damals in Bochum bei meinem HNO ins private Wartezimmer. Nett. Der Doc hatte zwei Türen; eine für Kumpel Anton vonne Knappschaft und eine weitere diskreter Natur für bürgerliches Publikum und sonstige Höhergestellte. Ich freute mich über das unverdiente Privileg. Später als junger Beamter war ich eh Beihilfe, also prinzipiell was besseres.

Ein Freund, der lange im Chinesischen gelebt hat, berichtet von Roten Umschlägen mit Barem, derer es bedürfe, um im staatlichen System eine gute medizinische Behandlung zu erlangen. Nennt sich „hong boa“ oder Roter Umschlag, ursprünglich Glücksgeschenk zu Neujahr, mittlerweile wohl gängige Praxis; so das Gerücht. Wollen wir dem glauben? Ich warne vor kolonialer Arroganz.

Ein anderer Kumpel weist mich auf gemeinere Kollegen der roten Kunstwerke hin, solche in eher schlichtem braunem Packpapier („brown envelopes“), die man bei Pressekonferenzen für die Journalisten bereithalten solle. Glücksspiel sei beliebt; daher am Eingangscounter eine Glaskugel mit Goldfischen aus Papier, an denen man sein Glück durch „lucky draw“ probieren dürfe. Wenn keine Niete, werde ein brauner Umschlag fällig. Umgeknickte Banknoten bevorzugt.

Ein Narr, wer dieses Unwesen für chinesisch hält. Wer in meinem Vaterland per Kasse krankenversichert, braucht Geduld. Ein Facharzttermin, so glücklich ergattert, kann schon mal ein Dreivierteljahr auf sich warten lassen. Außer, man vergisst die Karte und tarnt sich als Privatpatient. Man halte dafür Cash bereit. So ist der Brave doppelt gestraft: ein satter Tausender im Monat für die Kasse und „hong boa“ für die private Behandlung oben drauf.

Natürlich ist das Klassenmedizin. Es bedarf zudem einer gewissen Geschicklichkeit, da die privat liquidierenden Doktoren nicht von den Kassen dabei erwischt werden wollen, dass sie dies sehenden Auges tun. So wie es natürlich in der Goldfischbowle keine Nieten gibt; man hat, höre ich, wenn auf gute Presse aus, braune Umschläge für jedermann.

Die Grundversorgung per Kasse ist schon teuer genug, aber in dieser Praxis des Abziehens wird Gesundheit wieder sozial exklusiv. Na ja, fast. Ich hatte „dual“ nur für Wahlfreiheit gehalten; nicht für doppelt: Kasse plus Cash ausse Tesch. Wer so naiv, wartet zurecht.

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SÖHNE EINES VATERS: BRÜDER ALSO.

Früher wurde Geschirr von Mutti in Schüsseln mit Spüli, lauwarmen Wasser und Bürste gewaschen und Vati trocknete mit einem Geschirrtuch ab, wenn gut gelaunt. Dann Asbach und Zigarette im Wohnzimmer. Werner Höfer im Fernsehen. Weltpolitik. So ging Sonntagsidylle, jedenfalls in Oberhausen.

Was in meiner rauchverhangenen Geburtsstadt Oberhausen die Kurzfilmtage, das ist im vermüllten Berlin die Berlinale, ein kulturelles Highlight der Filmschaffenden von den hinteren Rängen. Viel Müll. Wenn das Geflimmer ganz belanglos, rettet die Aufmerksamkeit der Welt ein politisch Irrer mit einem Skandälchen im Protokollarischen. Diesmal ein Apologet des islamistischen Terrors, der das obligatorische Küchentuch hochhält und der deutschen Regierung vorwirft, einen Völkermord im Nahen Osten zu unterstützen. Die Spültuchträger haben in der fanatischen Welt der Schauspüler vielfältige Unterstützung.

Ich bin nie Staatsgast bei dem Staatsakt Berlinale; ich habe also nicht entscheiden müssen, ob ich nach einer solchen Entgleisung aufstehe und gehe. Der anwesende Bundesminister, ein gänzlich unbekannter, aber kreuznetter Sparkassendirektor aus Erfurt, hat das gut gemacht und ist gegangen. Gut so. Als ich gestern von Moabit nach Charlottenburg schlendre, sehe ich, dass die Lessingbrücke an allen vier Enden in Stein gehauene Szenen aus Dramen Lessings zeigt. Von der Tafel mit NATHAN DEM WEISEN bleibe ich stehen. Ich kenne das Stück und den Herrn Verfasser und sage, das Ding ist nicht ohne. Ich hadere mit dessen Toleranzgebot. Drei beknackte Brüder buhlen dort um Gottgefälligkeit. Ist mir fremd.

Man will „angenehm“ (sic) vor Gott erscheinen. Die Ringparabel bei Lessing: Es geht nicht nur um die Frage, ob sich Judentum, Christenheit und Muslime vertragen sollten (eh klar); es wird unterstellt, dass alle drei den gleichen Gott verehren. Ich selbst bin religiös unmusikalisch, aber in der Frage bleibe ich zurückhaltend. Jedenfalls sollte hierzulande niemand geehrt werden, der grundsätzlich das Existenzrecht des Staates Israel bestreitet. Da hört die Brüderlichkeit beim Spülen auf. Küchentücher hin, Küchentücher her.

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HELFERSYNDROM.

Erlebnis auf einem Parlamentarischen Abend jener Profession, die von dem Diabetes anderer lebt. Eine meinungsstarke grüne Ärzt*in (Eigenbezeichnung) erzählt mir, sie habe ihre Schwester in London besucht und festgestellt, dass die Cola dort besser schmeckt. Ich lausche, habe aber Zweifel. Es geht ihr nämlich eigentlich darum, dass es in England eine besondere Besteuerung von Zucker gibt, die zu einer Änderung der Rezeptur geführt habe. Deshalb sei die Strafsteuer auf Süße super. Es geht ihr um die Volksgesundheit, namentlich Diabetes Typ 2, der durch Fettleibigkeit erworben wird. Eine Folge von Völlerei. Das soll künftig das Finanzamt zwangsweise ändern.

Erstens gibt es Cola Light oder Zero schon lange und der exzessive Einsatz von Süßstoffen hat den Zuckersüchtigen nicht wirklich geholfen. Oder? Zweitens ist im gelobten Engelland die massenhafte Adipositas nicht messbar gesunken. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Wir, die Ärzt*in und ich, reden für meine Begriffe gar nicht über wirkliche Prophylaxe, sondern über Symbolpolitik. Bei der Gelegenheit wird die Zielgruppe gleich mitrasiert. Diabetes sei eine Krankheit der sozial Abgehängten. Eine echte Frechheit, getarnt im Helfersyndrom.

Erinnert mich an einen französischen Fabeldichter, der von einem alten Gärtner erzählt, der sich mit einem Bären angefreundet hatte. Die Beiden mochten sich und achteten aufeinander. Als sich nun eines Tages eine Fliege auf die Nase des im Grase schlummernden Gärtners setze, stemmte der fürsorgliche Bär einen stattlichen Felsbrocken und erschlug sie. Seinen Freund gleich mit. Jemandem einen Bärendienst erweisen.

Der grüne Ruf nach dem staatlichen Diktat. Ich sage der Ärzt*in: Völlerei stellt man selbst durch Änderung seiner Lebensumstände ein; man isst und trinkt weniger, seltener und anderes. Man bleibt in Bewegung. Wem dazu die Disziplin fehlt, der holt sich neuerdings vom Dealer die Spritze. Ob darin nun die Seligkeit liegt, dass man an die Nadel kommt, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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PUBLISH OR PERISH.

Wer nicht mehr publiziert, der geht unter. Erzähl was, oder Du bist tot. Dieses erbarmungslose Gesetz galt schon immer für Wissenschaftler. Deren Geltung wird daran gemessen, wieviel und wie oft sie veröffentlichen. Es gilt heute für jedermann und -frau. Man sieht die im Lichte, aber die im Dunklen, die sieht man nicht.

Die Sozialen Medien sind ein Dschungelkrieg um Aufmerksamkeit. Wer da eine Woche still bleibt, riskiert als verstorben zu gelten. Bevor wir gleich zu den Sagen und Märchen des Orients kommen, ein Wort zum Publikationszwang in der Wissenschaft. Das führt zu sogenannten SELBSTPLAGIATEN. Weil man nicht jedes Quartal die Welt neu erfinden kann, schreibt man bei sich selbst ab. Es entsteht ein akademisches Schwätzertum. Man kopiert sich selbst bis an den Rand der Vergeblichkeit. Die Dreisten schreiben bei anderen ab, Plagiate sind aber kein Kavaliersdelikt, jedenfalls in Doktorarbeiten. 

Man spürt viel von der Not der Doofen, schlau sein zu müssen in den Sozialen Medien. Oder der Drögen, lustig sein zu wollen. Und der Bösen, nicht verbergen zu können, dass ihre Herzen bitter sind. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. 

Jetzt aber zu TAUSEND UND EINE NACHT. So zauberhaft die Situation zu sein scheint, sie ist eigentlich böse. Die Märchenerzählerin stirbt dort nämlich solange nicht, wie sie neue Geschichten aufzutischen weiß. Solange sie Mythen spinnt, muss der Henker warten. Eine Weisheit aus dem Orient, behauptet Goethe, auch für den Okzident. Eigentlich die bittere Wahrheit über all jene, die Twitter, Instagram und LinkedIn bevölkern. Publish or perish. Ein endloser Kampf gegen das Vergessen. Denn hier werden keine Denkmäler errichtet, die die Jahrhunderte überdauern: „Wanderer, kommst Du nach Sparta, so erzähle, Du habest uns hier liegen gesehen, wie das Vaterland es befahl.“ Ein Tweet, das ist eine Seifenblase. Im Idealfall eine Seifenblase, auf die weitere folgen; aber immer nur das Glück des Augenblicks. 

Oder die Peinlichkeit des Tages. Man sollte nicht verschweigen, dass es auch größere Unglücke des kollektiven Zorns gibt, wenn sich eine Stimmung aufbaut. Aber das ist, wie Kipling, der den Dschungel kennt, sagt, eine andere Geschichte.