Logbuch

BROT & SPIELE.

Aus dem Alten Rom. Jetzt, da die Leidensfähigkeit der Massen erlahmt, ihre Geduld, Weisung zu ertragen, reicht es nicht mehr, die Kornkammern zu öffnen. Wer hätte erahnt, dass es so weit kommt, dass die Pauker die Schüler nicht in die Holzbänke prügeln müssen, sondern diese ihre Schulpflicht zu einem Recht auf Schule machen; es einfordern? Die Sklaven wegen der verordneten Faulheit murren. Die Handwerker den Aufstand planen. Woher kommt die Vorstellung, öffentliches Leben schlicht aussetzen zu können? Das Motto hieß schon bei den Vätern nicht einfach nur "Brot und Wasser". Zum trocken Brot braucht es jetzt Spiele, großartige Spiele. Man öffne den Circus Maximus und lasse die Gladiatoren ihres Amtes walten. Dachte bei sich der strenge Cato senex und schwieg.

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DIGITAL GENIAL.

Auch für mich kann es hip werden. Ich darf smart mit dabei sein: SINGLE POINT OF CONTACT. Das wird eine App auf meinem Handy, von der ich dann alle Banksachen machen kann. Eine Generalvollmacht und ein Click, und schon ist alles im Lack. Mit 5G. So heißt das neue Netz, das ich mit dem 12er erreiche. Und dann alle Finanzdienstleistungen erledigt mit einem Wisch & Click. Das Motto heißt also neuerdings: „All eggs in one basket!“ Weil man als „Nerd“ etwas kriegt, das sie allen Ernstes SPOON FEEDING nennen. Kleine Dosen. Sich langwierig umschauen? Stapelweise Papier ausfüllen? Wettbewerb suchen und für sich nutzen? Uncool. Und wenn man schon vergleichen will, dann mit der einen Plattform, wo man 24 Stunden alles „checkt.“ Da fehlen zwar die günstigsten Angebote und alle sind provosionsgestützt und die miesen Produkte haben immer hohe Provisionen, aber all das ist Oberbedenkenträgertum. Der junge Mann, der mir das vorträgt, trägt ein ungebügeltes Freizeithemd über der Hose, er ist übernächtigt, aber aufgekratzt, sagt Modewörter des Internets. Hmmm, ist das Bolivianisches Marschpulver an der Nasenspitze? In der Industrie würde man das, was mir hier angepriesen wird, SINGLE SOURCING nennen; galt früher als eher nicht so schlau. Ganz ehrlich? Die überzeugendste Lösung eines Bezugsmonopols war für mich in meinem Leben die Mutterbrust. Als Säugling. Im Kindergarten kam dann schon Jutta dazu, die Nachbarstochter. Die hatte Brote, die mit Zucker bestreut waren (Zucker statt Wurst und Käse, eine Armutslösung, aber von mir heiß geliebt). Später habe ich mich dann, wenn ich ganz ehrlich sein soll, an jeden Tisch gesetzt, der zum Verweilen einlud. Kein Kostverächter. Da werde ich mich im gesetzten Alter mit dem Löffel füttern lassen? Wohl kaum.

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KONVERSATION.

Nicht Kulturkampf. Oder Heckenschützentum. Es gab eine Zeit, da war Unterhaltung noch UNTERHALTUNG. Und nicht dieser Bolz-Platz (pun intended), den wir heutzutage auf Twitter erleben. Man sprach gefällig über Interessantes, ohne belehren oder gar bekehren zu wollen. Oder beleidigen. Pah. Eine Kulturtechnik gebildeter Stände. Man erfreute sich an Wissenswertem. Der Philosoph Immanuel Kant soll jeden Mittag eine solche Runde der Konversation-treibenden bei sich zu Hause empfangen haben. Von ihm ist ein Vortrag über die London Bridge bezeugt, obwohl er seine Heimatstadt Königsberg niemals verlassen hatte. Hatte er sich angelesen. Man sprach über Dinge, die man eigentlich nicht kannte, von denen man aber eine Ahnung haben wollte. Das gefällt mir. Man sollte nicht schlau sein, aber klug. Wie ein guter Sommelier, der einen Wein verkostet. Oder ein Restaurantkritiker, der etwas zu erzählen hat, aber bitte kein Bericht über Küchenschaben oder Kohlehydrate. Ich erinnere eine Sommelière, die mir zu einem Riesling Großes Gewächs erklärte, der Winzer sei wortkarg. Interessant. Tolle Frau! KONVERSATION. Oder das Lob eines Kollegen von der Saar, mit dem ich im BORCHARDT eine Fischsuppe aß, zu der es dünnes Brot und eine gelbliche Mayonnaise gab, deren französischen Namen er wusste. Er rührte die Mayo übrigens in die Suppe; hatte ich noch nie gesehen. Sachen gibt’s. Zur Konversation gehört auch das gelegentliche Ausschweifen. Es ist halt eine Kulturtechnik. So wie Tango. Georg Orwell („1984“) hat an Charles Dickens („Oliver Twist“) gelobt, dass seine Romane voll von Unnötigem seien. Daran erfreuen sich dann manche, andere nicht. Auf dem BOLZPLATZ der Streitereien geht es nur zur Sache, sprich ins Persönliche. Man bolzt halt. Überhaupt ist FUSSBALL albern. Denn wenn man, hektisch über einen Rasen laufend, einen Ball bewegen will, so macht man das, während die Beine ja mit dem Laufen beschäftigt sind, doch wohl am besten mit den freien Körperorganen, also den Händen. Genau das, höre ich, sei aber ausgeschlossen. Widersinnig.

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GUYS.

Am Empfang des Raffles in Singapur fragt der Hotelmitarbeiter mich und Gattin: „What can I do for you guys?“ Eine echte Unverschämtheit. Typen? Für Euch Typen?

Aus dem Amerikanischen kommt eine geschlechtsneutrale Anrede, deren Ursprung vergessen scheint. „GUYS and dolls“, das waren mal Typen und ihre Schicksen; heute steht GUY für jedweden Typen jedweden Geschlechts. Da ist ja mehr im Schwimmen begriffen als die Biologie weiß. Guys also? Aber nicht, wenn ich tausend Dollar für ein Bett zahle. Dann redet der uniformierte Laffe mich mit Sir an und die Blonde an meiner Seite mit Mam.

Übrigens ist es Mam mit einem „a“ wie in „marmelade“ und nicht Mäm mit einem „ä“ wie in „jam“ oder „ham“. Kommt auch am englischen Hof aus dem Französischen von „Madame“, dem Pendant zu „Monsieur“ (Meine Dame/ Mein Herr). Im George V in Paris bin ich ebenso Monsieur wie im kleinen Bistro um die Ecke; eine Kulturnation. Da quakt einem niemand „salut les copains“ beim Check-In oder dem Absinth ins Gesicht. Die Anrede mit GUYS ist eine egalistische Frechheit.

Wie das routinierte Duzen im Geschäftsleben und die Verkürzung von Namen (eigentlich nämlich mindestens zwei gemäß Tauf- und Familiennamen) auf eine einsilbige Verballhornung des Vornamens. Weil sich im Einwanderungsland USA niemand Fremdsprachiges merken will oder kann. Aus Richard wird Dick; und Dick, das heißt Schwanz oder Blödmann. Ich mag die Amis nicht. Obwohl unsere geschätzte Schutzmacht; wg. GI, was „government issue“ heißt, sprich Staatseigentum. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Unter Freunden duzt man sich. Und unter Kollegen (#gerneperdu); finde ich gut. Historisch auch unter Genossen. Und bei den Sportskameraden. Alles gut. Ich habe schon Bundeskanzler geduzt und Bundespräsidenten, aber den schnorrenden Bettler in Zehlendorf vor dem Rathaus, den sieze ich. Oder die Nichtsesshafte in dem Transporter auf dem Autobahnrasthof Göttingen (Fahrtrichtung Hannover). Eine Anrede ist eine Respektsbezeugung.

Wo wir gerade dabei sind: der Doktortitel ist Namensbestandteil. Von seiner Nennung sind ausdrücklich nur andere Promovierte ausgeschlossen. Hier kann man sich aber das Vergnügen bereiten und die Doktorarbeit anderer Doktoren über die Fernleihe zu besorgen und mal mit Muße anzusehen. Es gibt so manche GUYS unter den Damen und Herren Doktoren. Typen halt. Dicks.