Logbuch

JOANNIS VAN DER MEER.

Der Maler VERMEER aus Delft soll insgesamt nur 50 Bilder gemalt haben, von denen wir heute 37 kennen. So sein CORPUS, wie man das nennt. Rembrandt 170. Ich glaube das nicht. Es muss einen zweiten Corpus unter anderen Namen geben.

Begründung: seine Lebensumstände. Der Mann lebte im calvinistischen Holland mit einer Katholikin in bitterster Armut und unter dem Zorn seines gewalttätigen Schwagers im Haus der Schwiegermutter. Das Paar hatte 15 Kinder, von denen die allermeisten seinen Tod überlebten. Eine große Familie darbend. Bäckerrechnungen wurden mit Bildern bezahlt. Wir wissen zugleich um seine Verehrung für Frau und Tochter. Und er, der sie abgöttisch liebte, ist zu faul zu malen? Mehr als zwei pro Jahr kriegt er nicht hin? Das glaube ich nicht.

Vermeer wird sich im Markt unter Pseudonymen versucht haben. Nicht nur die Interiöre, die wir heute feiern. Zunächst religiöse Motive, aber dafür war es nicht die Zeit. Er war kein Knecht der Habsburger. Es muss von seiner Hand ein breites Werk der Landschaftsmalerei geben, das verstreut und falsch zugeordnet auf die Entdeckung wartet. Ich bin sicher. Nein, noch keine Beweise, aber ich bin mir sicher.

Die wirklichen Fachleute ahnen das. Darum war das erste Bild der jüngsten Ausstellung im Rijksmuseum was? Ja, ein Landschaftsbild. Ein konspirativer Hinweis. Es gibt einen zweiten Corpus. Wäre interessant zu wissen, ob die bei Sotheby‘s Logbücher lesen.

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FINDELKINDER.

Die fürsorgliche Kindesliebe ist ein relativ modernes Institut in unserem Gefühlshaushalt. Ich studiere INFANTIZITÄT, den Brauch der Kindestötung, und bin entsetzt. Das Aussetzen Neugeborener galt früher als Nachwuchsplanung.

Man hat schon in Grimms Märchen Kunde davon, dass sehr arme Eltern sich ihrer Kinder zu entledigen suchten. Derart beginnt das Schicksal von „Hänsel und Gretel“. Aus dem Geschichtsunterricht erinnert man, dass die Spartaner all ihre Infanten vorübergehend aussetzten, um in den Überlebenden eine Art Gottesurteil zu erfahren. Der Antike sagt man nach, dass Neugeborene auf den Boden gelegt wurden; wenn der Vater sie aufhob, galten sie als angenommen, ansonsten standen sie dem Sklavenhandel zur Verfügung.

Daher kommt der Begriff des FINDELKINDES, dass man es irgendwo gefunden hat, etwa auf den Stufen von Tempeln oder Kirchen. Von Moses, dem Stammvater der Israeliten, wissen wir, dass er in einem Bastkörbchen dem Nil anvertraut wurde. Gleiches Schicksal bei den Gründern der Ewigen Stadt, Romulus und Remus, ausgesetzte Söhne einer etruskischen Prinzessin, die sich dem Kriegsgott Mars hingegeben hatte. Aufgezogen angeblich von einer Wolfsmutter; wobei „lupa“ auch eine Prostituierte sein konnte, also Hurensöhne. Da war auch was bei Goethe mit Gretchen.

Man muss die Babyklappe für eine segensreiche Einrichtung für die ganz Verzweifelten halten. Denn eigentlich gibt es auf Erden kein größeres Glück, als das der Kinder und Kindeskinder. Wie furchtbar, wenn hier eine Geschlechterauswahl stattfindet; man spricht von Femizid, wenn es die Mädchen trifft.

Aber es konnte auch die Jungens treffen. In der Vulkanasche des Alten Rom hat man hinter einem Badehaus ein Massengrab männlicher Säuglinge entdeckt. Badehäuser waren zugleich Bordelle und Knaben kein geeigneter Nachwuchs für die Hetären. Wie unendlich grausam. Was man von irischen Waisenhäusern aus der Moderne hört, ist nicht tröstlicher.

Zu den dunkelsten Kapiteln der Montankultur gehört, dass Kinderarbeit untertage gefördert wurde, weil die kleinen Gestalten flözgängiger waren. Von hier auch der Mythos der Zwerge, historisch durch Zwangsarbeit verkrüppelte Kinderknappen.

Die Wissenschaft sagt, dass die Kindheit als Schutzberechtigung eine soziale Konstruktion sei; dem ist zuzustimmen.

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MELONI ATTENZIONE.

Wie man seine Dichter und Denker ehrt, oder nicht. Man kann ja nicht jedermann reinlassen in die Hochkultur. Auch bei UMBERTO ECO gibt es Zweifel. Er hat zeitlebens eine Feindschaft zu Berlusconi gepflegt. Das vergessen die jetzt in Italien Regierenden nicht, der Herkunft nach Faschisten.

In der Diskussion um den präsumptuösen Vorlass der privaten Tagebücher des MARTIN JOHANNES WALSER an das Archiv in Marbach werde ich drauf hingewiesen, dass HANS MAGNUS ENZENSBERGER seine Unterlagen auch dorthin gegeben habe. Das war mir nach meinem Besuch in seinem norwegischen Sommerhaus (es gab Fischpudding) nicht unbekannt. Auf einen Vergleich der beiden lasse ich mich nicht ein. Nur soviel: ENZENSBERGER jedenfalls trug seinen zweiten Vornamen zu Recht.

Zum aktuellen Fall. Die private Bibliothek von UMBERTO ECO umfasste rund 30.000 Bände, die seine Erben posthum der öffentlichen Hand übergaben. Der Bau eines Gebäudes zur Ehrung dessen steht aus. Aber es wird angeblich katalogisiert.

Ich habe auch Zweifel am Bestandsverzeichnis. Nicht nur wegen des umstrittenen Frühwerks (eine Fälschung). Als ich seinerzeit den Primitivo mit Eco aus Plastikbechern auf seiner Bibliotheksleiter verköstigt habe und er zur Toilette ging, habe ich zwei meiner Bücher ins Regal geschoben. Reingeschmuggelt. Beide unter alten Pseudonymen erschienen. Jetzt warte ich, wann sie im Bestand erscheinen. Oder eben nicht. Die Meloni soll aufpassen!

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GUYS.

Am Empfang des Raffles in Singapur fragt der Hotelmitarbeiter mich und Gattin: „What can I do for you guys?“ Eine echte Unverschämtheit. Typen? Für Euch Typen?

Aus dem Amerikanischen kommt eine geschlechtsneutrale Anrede, deren Ursprung vergessen scheint. „GUYS and dolls“, das waren mal Typen und ihre Schicksen; heute steht GUY für jedweden Typen jedweden Geschlechts. Da ist ja mehr im Schwimmen begriffen als die Biologie weiß. Guys also? Aber nicht, wenn ich tausend Dollar für ein Bett zahle. Dann redet der uniformierte Laffe mich mit Sir an und die Blonde an meiner Seite mit Mam.

Übrigens ist es Mam mit einem „a“ wie in „marmelade“ und nicht Mäm mit einem „ä“ wie in „jam“ oder „ham“. Kommt auch am englischen Hof aus dem Französischen von „Madame“, dem Pendant zu „Monsieur“ (Meine Dame/ Mein Herr). Im George V in Paris bin ich ebenso Monsieur wie im kleinen Bistro um die Ecke; eine Kulturnation. Da quakt einem niemand „salut les copains“ beim Check-In oder dem Absinth ins Gesicht. Die Anrede mit GUYS ist eine egalistische Frechheit.

Wie das routinierte Duzen im Geschäftsleben und die Verkürzung von Namen (eigentlich nämlich mindestens zwei gemäß Tauf- und Familiennamen) auf eine einsilbige Verballhornung des Vornamens. Weil sich im Einwanderungsland USA niemand Fremdsprachiges merken will oder kann. Aus Richard wird Dick; und Dick, das heißt Schwanz oder Blödmann. Ich mag die Amis nicht. Obwohl unsere geschätzte Schutzmacht; wg. GI, was „government issue“ heißt, sprich Staatseigentum. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Unter Freunden duzt man sich. Und unter Kollegen (#gerneperdu); finde ich gut. Historisch auch unter Genossen. Und bei den Sportskameraden. Alles gut. Ich habe schon Bundeskanzler geduzt und Bundespräsidenten, aber den schnorrenden Bettler in Zehlendorf vor dem Rathaus, den sieze ich. Oder die Nichtsesshafte in dem Transporter auf dem Autobahnrasthof Göttingen (Fahrtrichtung Hannover). Eine Anrede ist eine Respektsbezeugung.

Wo wir gerade dabei sind: der Doktortitel ist Namensbestandteil. Von seiner Nennung sind ausdrücklich nur andere Promovierte ausgeschlossen. Hier kann man sich aber das Vergnügen bereiten und die Doktorarbeit anderer Doktoren über die Fernleihe zu besorgen und mal mit Muße anzusehen. Es gibt so manche GUYS unter den Damen und Herren Doktoren. Typen halt. Dicks.