Logbuch
TATTERGREIS.
Die Wiederwahl des Rechtspopulisten Donald Trump als Präsident unserer Hegemonialmacht soll ein älterer Herr verhindern, der, wie ich, nicht mehr ganz trittfest ist. Nicht Euer Ernst, liebe Demokraten.
Stammesälteste nannte der unsägliche Karl May die Anführer der Rothäute, die man für Indianer hielt. Ob dieses SENIORITÄTSPRINZIP wirklich herrschte, wissen wir nicht. Meinen Herrn Vater hat der weiße Manitou fast 100 werden lassen, bevor er verunglückte, aber er hätte sich nicht zugemutet, in Verantwortung noch jene Schwächen zu besiegen, die die Altersdemenz ihm zumuteten. Er wusste darum und klagte: „Ich habe keine Speicher mehr!“ Ein kluger Mann.
Nennen wir die Generation Joe Biden Ü80. Der erste Kanzler der Bundesrepublik, der senile Konrad Adenauer, war deutlich Ü80, als er zum dritten Mal wiedergewählt wurde; ich zweifle, dass man als Ü70 noch an die Spitze treten sollte; als Ü80 ist das absurd. Das kann man einsehen, ohne einen abgebrochenen Studenten (Ü20 bis Ü30) als hinreichend erfahren betrachten zu müssen.
Alter ist kein Verdienst. Aber einen Baum gepflanzt, Kinder großgezogen, Anstand gezeigt zu haben. Man erlaube mir eine biografische Arabeske. Ich war Ü10 unsportlich und wasserscheu; trotzdem legte ich eine Prüfung ab, die „Frei- und Fahrtenschwimmer“ hieß. Weil man Ü20 nicht als Bleiente fristet. Weil man frei sein wollte und auf große Fahrt gehen. Da musste man halt durch. Disziplin.
Und bei meinem Bildungsgang ist man Ü30 promoviert. Diese „scheinfreien“ Vor-Karrieren von Ricarda Lang und Kevin Kühnert irritieren mich. Man hängt nicht zwei Jahrzehnte ohne Abschluss an der Uni rum; nicht mit anschließendem Führungsanspruch. Wohlgemerkt, jeder Lebensweg ist mir recht, der Mensch ist aus krummem Holz, aber nur Arbeit adelt.
Und was ist nun mit Ü80? Klare Antwort: Waldorf & Statler.
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GRÜNE LOBBY.
Die Grünen werden eine normale Partei. Man überhöre die letzten moralischen Oberwellen und schaue auf das Handeln: Parteipolitik wie sie im Buche steht. Jetzt auch mit partei-eigener Lobbyorganisation. Soll ich lachen oder weinen?
Die Union hatte schon immer einen "Wirtschaftsrat", eine quasi ehrenamtliche Organisation, in der die Granden der Wirtschaft wirkten; genauer gesagt: einwirkten. Man hatte seitens der Bourgeoisie die Erfahrung gemacht, dass man sich auf die rechte Gesinnung (pun intended) nicht immer verlassen konnte. Der Einfluss der Herz-Jesu-Marxisten war zu begrenzen. Und man brauchte auch mal gesellschaftliche Anlässe, die respektabel waren; immer nur Cash in braunen Umschlägen ("Bimbes"), das kann es ja auch nicht sein.
Die SPD hat das jüngst nachgemacht; auch dort gibt es ein "Wirtschaftsforum", in dem auch Nicht-Genossen geduldet werden, so sie an der ökonomischen Kompetenz der Sozis mitwirken wollen. Disclaimer: Ich bin da Mitglied. Bisher nur gute Erfahrungen gemacht, ein interessanter Kreis. Ein Bukett von Vize-Präsidenten zeigt das Spektrum der Honoratioren der Sozialdemokratie: Kluge Frauen aus Recht und Hochschulen, ein ungehobelter Prolet aus dem Pott (den ich noch als Spin Doctor von Oskar Lafontaine aus der Bonner Baracke kenne), ein netter PR-Kollege, you name it.
Jetzt geben auch die Grünen die Gründung von einem solchen Vorhof der Macht bekannt. Eigentlich ist es eine Umgründung eines misslungenen Versuchs, aber das ist Insider-Wissen, das ich nicht verbreiten will. Zudem könnte ja sein, dass ich auch da einen Antrag auf Teilnahme stelle; da sollte man es sich nicht durch protokollarische Ungeschicklichkeiten selbst schwer machen. Ob die mich nehmen? Ich habe Zweifel, aber ich würde hingehen, wenn man dazu nicht Mitglied werden muss.
Für alle liberalen Seelen stellt sich nun die Frage, was mit der FDP ist; da könnte ich auch noch einen näheren Kontakt zu einem Vorhof erwägen. Je älter ich werde, desto erträglicher finde ich die; erstaunlich. Die FDP braucht aber keine Vorfeldorganisation für Wirtschaftslobbyismus. Sie ist es.
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HITLERS TAGEBUCH.
Heute vor 40 Jahren flog der „Stern“ mit der Fälschung von Hitlers Tagebüchern auf. Auf den Deckeln klebten die Buchstaben FH, weil dem Fälscher leider der Buchstabe A für AH ausgegangen war. Egal.
Nachtrag zu unseren Überlegungen um „Original & Fälschung“. Als dem „Stern“ die von Fälscher Kujau dilettantisch zusammengeschusterten Tagebücher Hitlers vorgelegt wurden und er tief in die Kasse griff, aus der er das Investigative finanzierte, kam der Verlag natürlich auf die Idee, einen SCHRIFTSACHVERSTÄNDIGEN zu bemühen. Der attestierte anstandslos die Echtheit der Handschrift und damit der Tagebücher.
Da ist er, der Mythos des AUTOGRAPHEN. Wenn von eigener Hand, dann authentisch; ein Glaube, der bis heute die Institution der UNTERSCHRIFT beseelt. Er wird gerade auf den Smartphones abgelöst vom Gesichtsbild. Der Rechner weiß mein Ponem zu erkennen, wenn ich mein Handy an der Tanke auf das Kartenlesegerät deute. Das Gesicht halten wir für unverkennbar; auch darüber wird die Zeit gehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zur Verifizierung: Die Stern-Prüfer ließen den Schriftgelehrten die Tagebuchnotizen des Fälschers Kujau aufs Genauste mit Originalen der Handschrift Hitlers vergleichen. Übereinstimmung hundert Prozent. Denn diese Vergleichsstücke hatte auch Kujau geliefert. Das ist mehr als eine Episode. Originale lassen sich nur falsifizieren, aber eben niemals verifizieren. Das war der Lehrsatz.
Zusatzfrage: Gibt es für die Investigativen die Kasse noch, aus dem das damals gezahlt wurde? Wer hat da Zeichnungsvollmacht? Schönes Wort.
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DER HERR HAUSEN.
Gestern abends zufällig in einem TV-Feature hängengeblieben über die Legende eines Bankers von charismatischen Zügen, und zwar einer Bank ebensolcher Art. Ich habe nichts gegen Heldensagen, zumal wenn es um Märtyrer geht, die im Dienst verzehrt wurden. Salut!
Aber ich bin Zeitzeuge und bleibe immer wieder in meinen Erinnerungen hängen, die mir anderes sagen, zumindest aber den Verdacht bestehen lassen, dass an der Glorifizierung dies und das nicht so ganz passt. Nichts gegen den Herrn Hausen von der Großen Bank, aber…
Auf einer frühen Aufzeichnung sehe ich ihn im Kreise seiner Vorstandskollegen, auch diese in jungen Jahren, manch einer später sein Nachfolger, alle seine Gegner. Ich sehe den rustikalen Pilstrinker und den Pinsel mit der Sektflöte. Ein Haifischbecken, in dem der Herr Hausen ein Sonnyboy von einem westfälischen Stromversorger war, kein geborener JFK. Mir fällt Cäsars Spruch ein: „Auch Du, Brutus!“
Man sieht den Hochgelobten mit Gattin auf historischen Aufnahmen. Waren da nicht auch ambitionierte Damen, die sich selbst des Konkubinats bezichtigten? Mir fallen da Szenen ein und posthum reklamierte Mutterschaften. Aber das ist privat. Nicht privat ist die Zeitzeugenschaft eines amerikanischen Außenpolitikers, der angibt, nie im Konflikt zu Herrn Hausen gestanden zu haben. Da lügt der Bub aus Fürth, der es im Exil so weit gebracht hatte.
Dann die Szenen aus der Londoner City, wo man sich eine Investmentbank mit schottischem Namen kaufte. Hier bin ich endgültig „conflicted“, weil ein persönlicher Freund dort PR-Chef war. Übrigens wunderbare Weihnachtsfeiern. Ich lernte dabei eine junge Dame aus Wolverhampton kennen, mit miserabler Sexualmoral, also sehr unterhaltsam; war echt klasse gewesen! Aber auch privater Natur.
Am meisten verstören mich zum wiederholten Mal die Umstände der Ermordung des fabelhaften Herrn der Bankenwelt. Eine hochkomplexe Bombe, die eine Panzerlimousine sprengen konnte, wurde in strikt überwachtem Wohnumfeld von einer Guerilla studentischen Ursprungs und palästinensischer Unterstützung trotz Vorwarnung unbemerkt montiert und präzise gezündet; bis heute aber keine Täterspuren? Da stimmt was nicht.
Jedenfalls Friede seiner Asche. Salut. Es soll hier abschließend erwähnt werden, dass er ein Junge aus dem Revier war und der Ruhrgas AG aufs Engste verbunden. Ein Mann aus jenem harten Holz, aus dem tatsächlich Helden geschnitzt werden. Jedenfalls daran kann es keinen Zweifel geben.