Logbuch
ALTWEIBERSOMMER.
Ich habe diesen Freund in jenem Kanada, in dem man Französisch spricht, der den milden Vorherbst einen indischen Sommer nennt, was im Englischen dann zum indianischen wird. Da ist die Sprachverwirrung seit Christoph Columbus groß, der dachte, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben, als er vor den Eingeborenen Nordamerikas stand. Heute ist das Straßenbild so, als könne das stimmen; man sieht hier viele Sikhs. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wie nennt man nun den milden Vorherbst? Es ist ja jene Zeit, die noch mit Wehmut an den langen Sommer erinnert, die vermeintliche Mitte des jahreszeitlichen Erlebens. Enden wird diese Zeit der Blattfärbung durch drei Nachtfröste, nach denen der Ginkgo seine hellgelben Blätter komplett abwirft. Nach einem gemächlichen Wandel vom erhabenen Grün zum schrillen Gelb ist dann endgültig Schluss, für diese Runde. Es beginnt die christlich überformte Verehrung des immergrünen Tannenbaums, ein furchtbar überschätztes Nadelgehölz.
Altweibersommer geht gleich mehrfach nicht. Erstens gilt das Grundgesetz der ewigen Jugend. Selbst die Greise, also der männliche Teil der Alten, nimmt den Tonus des herbstlichen Laubes auf und kauft sich gelbe oder rote Cordhosen. Zweitens gibt es in der Hohen Minne keine Weiber, sondern nur Damen. Die sprichwörtlichen Waschweiber sind längst durch Miele ersetzt. Wie aber gehen wir mit dem demoskopischen Tatbestand um, dass die Parkbänke unter buntem Laub mehrheitlich von Frauen besetzt sind, die ihre Männer schon ins Grab gebracht haben? Was sagen dazu die Woken?
Wenn nämlich die Dulcineas finden, dass das misogyn sei mit der Jahreszeit für Witwen, was machen wir dann, wir woken Männer? Ich empfehle Semantik. Semantik ist immer gut, wenn man in der Sache nichts ändern will, aber dem Volkszorn entgehen. Wie wäre es mit „zweiter Frühling“? Das könnte auch eine Altersdiskriminierung enthalten. Geht „Nachsommer“ oder „Wechseljahreszeit“? Oder besser noch „Vorfrühling“? Ich werde das mal im Altersheim diskutieren, wo sie gerade Kastanienmännchen basteln, die Witwen. Wieso eigentlich „Männchen“? Was für ein misomaskulines Gespött! Noch so ein Ding.
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VON WEGEN SÜSSE.
Klären wir zunächst die Handlung aus dem Roman von 1939 und einer Verfilmung von 1945, nämlich die der berühmten "Taxi-Szene". Der Privatdetektiv will einen Lieferwagen verfolgen, um dessen Ziel zu erfahren, und springt dazu in ein wartendes Taxi, dessen Fahrer er um den "tail job" bittet. Zum Ende der Aktion übergibt der Fahrer seine Visitenkarte für künftige Aufträge, Tag und Nacht.
In der deutschen Synchronfassung redet der männliche Privatdetektiv die professionell uniformierte weibliche Fahrerin mit "Süße" an und es entspannt sich plump ein Dialog mit erotischer Konnotation, die ihn, den Macho, als den Initiativen erscheinen lässt. Das ist nicht so ganz korrekt. Im Original lautet die Anrede nämlich klar und männlich: "Hi, driver!" Von wegen Süße.
Erst als die Verfolgungsjagd als Auftrag benannt ist, antwortet die Fahrerin, dazu sei sie "your girl"; sprich der richtige Mann. Sie redet ihren Fahrgast mit "bud" an, wohl kurz für "buddy", sprich Kumpel. Als sie die Visitenkarte übergibt, fragt Marlowe, ob das Angebot Tag und Nacht gelte. Jetzt sie: "Melde Dich nachts; tagsüber arbeite ich." Alta, Schwede.
Die Frauen bei Raymond Chandler (dem Romanautor) sind keine Häschen; sie erwählen den "zu kurz geratenen" harten Mann mit den kärglichen Einkommensverhältnissen, weil er eine ehrliche Haut ist; aus eignem Willen und durchaus keck. Das wollte ich nur zum Thema Emanzipation angemerkt haben.
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SCHWARZE SERIE.
Auch in der Literatur gibt es das Recht der Ersten Nacht. Niemals wird man den tiefen Eindruck vergessen, den die erste Lektüre von Raymond Chandlers „Big Sleep“ machte. Hier wurde 1939 der Privatdetektiv Philip Marlowe geschaffen, den Humphrey Bogart auf so unvergessliche Weise dargestellt hat. 1945 wurde er in der Verfilmung als „Tote schlafen fest“ mit der legendären Lauran Bacall zu dem archetypischen Filmpaar einer schwarzen Romantik. Ich schwärme.
Gestern Abend unverhofft eine Wiederholung dieses Musterfilms der Schwarzen Serie im Fernsehen; ich bleibe hängen. Es gibt keine erotischeren Szenen als die Verführung des harten Kerls durch ungewöhnliche selbstbewusste Frauen, wie sie Chandler zeichnet. Zu der Taxifahrerin, die Marlowe nächtens lädt, später; daran ist vieles neu und überraschend emanzipiert.
Was mir auffällt, sind die heimlichen Helden dieser Großstadtkrimis. Nicht so sehr der Schnaps und die Zigaretten, auch bei weiblichen Rollen. Das ist das Amerika der Nach-Prohibition. Nein, der ganze verwickelte Krimi wäre nicht denkbar ohne Autos und Telefone. Wir schreiben die dreißiger, vierziger Jahre!
Das Auto ist nicht nur Gefährt oder Tatort, es ist der intime Raum im Wortsinn. Großartige Szenen des Flirtens bis hin zum finalen Eingeständnis der gegenseitigen Liebe zwischen Bogart und Bacall, der großen Verführerin. Der Balkon von Romeo und Julia ist das Innere des PKW geworden, der „locus amoenus“ der Moderne. Man liebt sich hinter‘m Lenker. Am Straßenrand. Die Regie Howard Hawks gestaltet das ikonographisch: das Auto im Innenraum als Refugium der Liebe.
Dann aber zu meiner Überraschung in jeder Szene ein Telefon. Es stehen die Geräte mit Wählscheibe auf den Schreibtischen, mitten in Wohnzimmern und hängen als Münzautomaten in Bars. Ständig wird telefoniert, alle Lokalitäten vom Polizeirevier bis zu Spielclubs und Boudoirs sind mit Telefonieren der Protagonisten verbunden. Das ist die metropole Moderne, man trinkt, raucht, flirtet, fährt Auto durch die dunkle Nacht. Und telefoniert.
Das Mobile dieser Metropole, bei uns Handy genannt, war als Sozialpraxis schon da, bevor das entsprechende Gerät erfunden wurde. Was wird davon bleiben? Das Rauchen haben sie uns schon abgewöhnt und den Roggenwhiskey; am Autotabu arbeitet der Zeitgeist gerade. Gott, was macht Philip Marlowe mit einem Erdbeersmoothie in einem Tesla? Bacall auf dem Lastenrad? Undenkbar.
Das mit der koketten Taxifahrerin und ihrer Visitenkarte kriegen wir morgen. Wir wollen die Wehmut für heute nicht übertreiben.
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DER HERR HAUSEN.
Gestern abends zufällig in einem TV-Feature hängengeblieben über die Legende eines Bankers von charismatischen Zügen, und zwar einer Bank ebensolcher Art. Ich habe nichts gegen Heldensagen, zumal wenn es um Märtyrer geht, die im Dienst verzehrt wurden. Salut!
Aber ich bin Zeitzeuge und bleibe immer wieder in meinen Erinnerungen hängen, die mir anderes sagen, zumindest aber den Verdacht bestehen lassen, dass an der Glorifizierung dies und das nicht so ganz passt. Nichts gegen den Herrn Hausen von der Großen Bank, aber…
Auf einer frühen Aufzeichnung sehe ich ihn im Kreise seiner Vorstandskollegen, auch diese in jungen Jahren, manch einer später sein Nachfolger, alle seine Gegner. Ich sehe den rustikalen Pilstrinker und den Pinsel mit der Sektflöte. Ein Haifischbecken, in dem der Herr Hausen ein Sonnyboy von einem westfälischen Stromversorger war, kein geborener JFK. Mir fällt Cäsars Spruch ein: „Auch Du, Brutus!“
Man sieht den Hochgelobten mit Gattin auf historischen Aufnahmen. Waren da nicht auch ambitionierte Damen, die sich selbst des Konkubinats bezichtigten? Mir fallen da Szenen ein und posthum reklamierte Mutterschaften. Aber das ist privat. Nicht privat ist die Zeitzeugenschaft eines amerikanischen Außenpolitikers, der angibt, nie im Konflikt zu Herrn Hausen gestanden zu haben. Da lügt der Bub aus Fürth, der es im Exil so weit gebracht hatte.
Dann die Szenen aus der Londoner City, wo man sich eine Investmentbank mit schottischem Namen kaufte. Hier bin ich endgültig „conflicted“, weil ein persönlicher Freund dort PR-Chef war. Übrigens wunderbare Weihnachtsfeiern. Ich lernte dabei eine junge Dame aus Wolverhampton kennen, mit miserabler Sexualmoral, also sehr unterhaltsam; war echt klasse gewesen! Aber auch privater Natur.
Am meisten verstören mich zum wiederholten Mal die Umstände der Ermordung des fabelhaften Herrn der Bankenwelt. Eine hochkomplexe Bombe, die eine Panzerlimousine sprengen konnte, wurde in strikt überwachtem Wohnumfeld von einer Guerilla studentischen Ursprungs und palästinensischer Unterstützung trotz Vorwarnung unbemerkt montiert und präzise gezündet; bis heute aber keine Täterspuren? Da stimmt was nicht.
Jedenfalls Friede seiner Asche. Salut. Es soll hier abschließend erwähnt werden, dass er ein Junge aus dem Revier war und der Ruhrgas AG aufs Engste verbunden. Ein Mann aus jenem harten Holz, aus dem tatsächlich Helden geschnitzt werden. Jedenfalls daran kann es keinen Zweifel geben.