Logbuch

ES IST NOCH SUPPE DA.

Wie geht man mit der Ehre um, dass ein veritabler Dichter auf bloße Stimmungen eines Logbuches antwortet? Die Blonde sagt: Auf keinen Fall durch Rechthabereien. Aber ernstnehmen möchte man die Ehre schon. Ich danke also Christoph Peters.

Wir reden von der Zeitstufe, die Prädikate in Sätzen wiedergeben; derer gibt es drei (und nicht sechs). Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft. Und dann gibt es noch eine weitere Aussagenebene des Prädikats, nämlich die VORGANGSART; derer kennt man zwei. Abgeschlossen oder andauernd. Da ebendies für jede Zeitstufe gilt, ergeben sich (drei mal zwei gleich sechs) 6 Prädikatsformen in der Tempusflexion.

Beispiel: Ich esse Graupensuppe. Ich habe Graupensuppe gegessen. Ich aß Graupensuppe. Ich hatte Graupensuppe gegessen. Ich werde die Suppe essen. Ich werde sie gegessen haben. Präsens. Perfekt. Präteritum. Plusquamperfekt. Futur I. Futur II.

Im Perfekt, dem Plusquamperfekt und dem Futur II ist der Teller leer. Vorgangsart „abgeschlossen“. Beim Präsens, Präteritum und Futur I weiß man das nicht so genau, ob noch Suppe da ist; das Subjekt löffelt wahrscheinlich noch. Vorgangsart „andauernd“. So weit, so gut.

Wenn nun, um diesen konkreten Satz geht es, ein Tag nicht gelungen war, dann mag man sagen, dass er um Mitternacht endete, also abgeschlossen war, aber das meint ja das Prädikat nicht, sondern das Subjekt. Deshalb war der Tag nicht blöd gewesen, sondern er war blöd. Wäre die eigentliche Aussage, dass der anschließende Morgen eine Sensation, so könnte man über‘s Plusquamperfekt reden. Die Aussage ist aber als Dauerzustand gemeint. Präteritum, kein Plusquamperfekt.

War das logisch gewesen? Wird der Leser das verstanden gehabt haben?

Man muss einräumen, dass das Präsens als temporal unmarkiert verwendet werden kann, also auch als Futur („Morgen esse ich Grütze.“ / „Morgen werde ich Grütze essen.“) Aber jetzt reicht es. Von mir aus dann halt auch sechs Tempora. Oder heißt es „Tempi“? Weiß ich nicht zu sagen, da unmusikalisch. Das Konzert war gut; das kann man sagen. Man sagt nicht: Das Konzert war gut gewesen. Nicht mal bei André Riö. Bitte nicht.

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KLASSENBEWUSSTSEIN.

Man denkt immer in Berühmtheiten, wenn es um Prominenz geht, aber die wirklichen Spitzen der Gesellschaft stehen nicht knapp bekleidet auf roten Teppichen. Oder präpotent auf dem Olymp der Politik. Sie bleiben unter sich, die wirklich das Sagen haben. Benko, das ist bloßer Boulevard.

Mit der Gesellschaft ist es wie mit der Lasagne; sie ist geschichtet. Oder dem geologischen Querschnitt durch einen Berg. Oder dem Baumkuchen. Man nennt das soziale Stratifikation. Aus dem fernen Indien hört man von festen Kasten. Die englische Oberschicht war auf bestimmten Hochschulen. Woran erkenne ich, diese Frage treibt mich um, die deutsche Oberschicht? Gibt es sie?

Man erinnert bei dem Thema einen Filmtitel, auch wenn man den Streifen nicht gesehen hat: Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Nun, am Auffälligsten ist der indiskrete Charme des Petite-Bourgeois; die Peinlichkeit des Kleinbürgers, der es zu etwas gebracht hat und nun prahlt. Man spricht auch von frischem Geld, das danach strebt, wie altes Geld auszusehen. Ich selbst bin aus kleinen Verhältnissen und rieche diese Sucht des Kleinbürgers danach, wie ein Edelmann zu wirken, sofort. Parfümierte Proleten. Peinlich.

Unter den politisch motivierten Proletariern galt Klassenbewusstsein immer als Ehrensache, weil man sich als Elite einer neuen Zeit wähnen wollte. Im wirklichen Leben ging der Traum des Karl Marx meist in den Fängen des Erich Mielke aus, sprich böse. Der Sozialismus will einen neuen Menschen, fördert aber den alten Adam; nämlich das vermeintliche Menschenrecht der vorsätzlich Faulen auf Parasitentum. Aber wir wollten ja von den besseren Kreisen reden.

Das sind die Herrschaften in der VIP-Lounge des Stadions, wo die Proleten in der Kurve zum Fusseck gröhlen. Wie kommen die da hin? Man findet sie sonst im richtigen Golf-Club, früher immer beim Tennis. Man geht zur Jagd. Und in die Oper. Kinder im Internat. Immer findet man auch etwas Philanthropisches; man widmet sich in diesen Kreisen auch mal einer schönen Idee. Zur Diskretion gehört, dass man sein Geld versteckt. Nicht nur in Liechtenstein, nein, auch im Auftritt. Pelz nach innen.

Große Karren fahren nur Zuhälter und Immobilienentwickler. Man hat einen englischen Sportwagen älteren Baujahrs in der Garage; das ja. Ich kannte eine steinreiche Unternehmerin, die sich für ihre Syltaufenthalte eigens einen abgetakelten Golf hielt, damit man vor der Sansibar nicht auffalle. Die Schüssel wurde aufwendig entfeinert: Breite Alufelgen runter, schmale Stahlräder drauf. So geht Bourgeoisie. Vielleicht ist Sansibar der typischste Ort, jedenfalls nicht die Paulskirche.

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EINE LAUNE.

Ich lese: „Der Tag war zu Ende. Es war ein schlechter Tag gewesen.“ Das geht gar nicht; einen solchen Gebrauch des Plusquamperfektes sollte man unter Strafe stellen. Jeder Verstoß gegen die Grammatik ist ein Angriff auf die Weltordnung. Und wenn nicht scheiternd im Tempus, so doch im Stil. Hatte ich das noch nicht erwähnt gehabt? Es verdirbt mir die Laune.

Die Laune hat keinen guten Ruf. Nicht nur, dass sie, wenn schlecht gestimmt, als üble Wesensart die Lebensfreude am Ausbruch hindert. Sie gilt dem Grunde nach schon als nichtig. Die Launenhaftigkeit weist den schwachen Charakter aus, der sich zum Spielball irgendwelcher Gemütszustände macht.

Ich versuche gerade einen Gegenwartsroman zu lesen, was immer wieder erneut scheitert, weil das Ding mich in schlechte Laune versetzt. Ich lege ihn beiseite, versuche es am nächsten Tag noch mal, wieder scheitere ich. Die Belanglosigkeit der Protagonisten ist ermüdend. Das übergeordnete Thema von untergeordneter Bedeutung und auch noch schlecht zusammengeschrieben.

Aber dieser Blues soll ein Spiegel unserer Tage sein. Ich bemerke ja, dass der Dichter mir was sagen will. Warum tut er es dann nicht. Voller Magen studiert nicht gern, zumal bei schwerverdaulicher Kost. Zum Wiederkäuen fehlt mir die Lust. Soviel zu Christoph Peters „Krähen im Park“ bei Luchterhand. Auf einem Büchertisch eines unsäglichen Flohmarktes an der Heiland-Kirche entdecke ich von einem gewissen Boz die Hinterlassenen Papiere des Pickwick Clubs in einer älteren Ausgabe bei Penguin und finde mich schon nach kurzer Lektüre amüsiert.

Was mich an einen Titel beim großen Kant erinnert. Er lautet: „Von der Macht des Gemüts durch bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein.“ Hat den Aufsatz wer? Her damit!

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DER HERR HAUSEN.

Gestern abends zufällig in einem TV-Feature hängengeblieben über die Legende eines Bankers von charismatischen Zügen, und zwar einer Bank ebensolcher Art. Ich habe nichts gegen Heldensagen, zumal wenn es um Märtyrer geht, die im Dienst verzehrt wurden. Salut!

Aber ich bin Zeitzeuge und bleibe immer wieder in meinen Erinnerungen hängen, die mir anderes sagen, zumindest aber den Verdacht bestehen lassen, dass an der Glorifizierung dies und das nicht so ganz passt. Nichts gegen den Herrn Hausen von der Großen Bank, aber…

Auf einer frühen Aufzeichnung sehe ich ihn im Kreise seiner Vorstandskollegen, auch diese in jungen Jahren, manch einer später sein Nachfolger, alle seine Gegner. Ich sehe den rustikalen Pilstrinker und den Pinsel mit der Sektflöte. Ein Haifischbecken, in dem der Herr Hausen ein Sonnyboy von einem westfälischen Stromversorger war, kein geborener JFK. Mir fällt Cäsars Spruch ein: „Auch Du, Brutus!“

Man sieht den Hochgelobten mit Gattin auf historischen Aufnahmen. Waren da nicht auch ambitionierte Damen, die sich selbst des Konkubinats bezichtigten? Mir fallen da Szenen ein und posthum reklamierte Mutterschaften. Aber das ist privat. Nicht privat ist die Zeitzeugenschaft eines amerikanischen Außenpolitikers, der angibt, nie im Konflikt zu Herrn Hausen gestanden zu haben. Da lügt der Bub aus Fürth, der es im Exil so weit gebracht hatte.

Dann die Szenen aus der Londoner City, wo man sich eine Investmentbank mit schottischem Namen kaufte. Hier bin ich endgültig „conflicted“, weil ein persönlicher Freund dort PR-Chef war. Übrigens wunderbare Weihnachtsfeiern. Ich lernte dabei eine junge Dame aus Wolverhampton kennen, mit miserabler Sexualmoral, also sehr unterhaltsam; war echt klasse gewesen! Aber auch privater Natur.

Am meisten verstören mich zum wiederholten Mal die Umstände der Ermordung des fabelhaften Herrn der Bankenwelt. Eine hochkomplexe Bombe, die eine Panzerlimousine sprengen konnte, wurde in strikt überwachtem Wohnumfeld von einer Guerilla studentischen Ursprungs und palästinensischer Unterstützung trotz Vorwarnung unbemerkt montiert und präzise gezündet; bis heute aber keine Täterspuren? Da stimmt was nicht.

Jedenfalls Friede seiner Asche. Salut. Es soll hier abschließend erwähnt werden, dass er ein Junge aus dem Revier war und der Ruhrgas AG aufs Engste verbunden. Ein Mann aus jenem harten Holz, aus dem tatsächlich Helden geschnitzt werden. Jedenfalls daran kann es keinen Zweifel geben.