Logbuch
FAIR PLAY.
Das Leben sei kein Debattierclub, sagen jene, die nie in einem waren. Es ist die Unfähigkeit zu spielen, die das Zusammenleben so anstrengend macht. Die Idee war doch eigentlich , man spielt miteinander, um sich zu vergnügen; dabei hält man sich an die Regeln. Weil es ein SPIEL ist. Am Ende liegt man sich vielleicht nicht in den Armen, aber man geht ausgeglichen auseinander. So laufen die GESPRÄCHE hier nicht. In den SOCIAL MEDIA geht es nicht sozial, eher asozial zu. Es darf geholzt werden. Man schlägt unter die Gürtellinie. Es scheinen Masochisten anzutreten und nach ihresgleichen zu suchen: Bitte belehre mich! Bitte beschäme mich! Der hechelnde Atem der Gesinnungsträger und ewigen Rechthaber allenthalben. Die Meute lungert, ob es nicht einen Scheiterhaufen zu errichten gilt. Ich empfinde diese Atmosphäre des Richtens als anstrengend, insbesondere wenn es um Belangloses geht. Unangenehm wird es, wenn Tabuverletzungen gerächt werden sollen. Regelrechte Aufrufe zur Gewalt soll es geben, berichten die Opfer dessen, was man hier „shitstorm“ nennt. Man ist sich im Zustand der Abregung einig, dass Hass zu weit geht; aber schon dieses polemische Herumlungern ist unangenehm. Und es mag sein, dass manche Aufregung zu Recht erfolgt. Aber wären nicht die seltenen Fälle des fairen Umgangs zu loben? Der Nachsicht?
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Die MACHT DER WORTE.
Gelungene Formulierungen können geiler sein als erotische Bilder. Wenn ich mal ganz ehrlich sein soll. Beweis gefällig? Ich lese zum neuesten Stand der kapitalistischen Welt: Man sei allenthalben fasziniert von der Hochzeit zwischen Wall Street und Silicon Valley. So was wie Goldman Sachs plus Google. Im Englischen aber noch steiler: „the inflight marriage of Wall Street and Silicon Valley in the cockpit of globalization“; schreibt Jackson Lears in einer Rezension. Hammer. Ich sehe die Szene in meinem KOPFKINO und werde sie nicht mehr los. Dazu das feiste Grinsen von Elon Irgendwas, der einer Investmentbankerin an die Hüfte fasst... Die Macht der Worte kommt von der Macht der Bilder.
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Korrektur durch Herrn Innacker: Marion Horn ist jetzt bei CNC, also Christoph Walther, nicht bei ihm. Ich bedaure den Irrtum und bitte um Nachsicht.
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SORTIERKÄSTEN.
Lange bevor es Baumärkte gab, versorgte ein Einzelhandel den Bastler mit Schrauben, Nägeln, Winkeleisen aus einem riesigen Schubladenschrank; an die Schubläden war jeweils außen ein Muster des Inhalts geschraubt. Wenn der Lehrling da fehlsortierte, gab es Ohrlaschen. Es herrschte, für jedermann sichtbar, Ordnung. Man konnte mit dem Finger auf das zeigen, was man wollte.
Ähnliches galt für Apotheken, die monströse Schrankwände hatten; Buchstaben signalisierten hier die Inhalte der Schubläden. Heute holt ein leise surrender Roboter die Medikamente aus seinem Bauch. Das Ordnungsprinzip ist ein anderes, weil sein Gedächtnis enorm ist. Auch hier herrscht Ordnung, aber eine raumoptimierte, die dem Laien zu Recht als Chaos erscheint. Er muss nehmen, was die Maschine ihm nach unerfindlichem Ratschluss gibt.
Wir reden von Sortierkästen, die das Grundprinzip vieler Wissenschaften sind, wenn nicht aller. Man schaue sich die Mühe an, die die Biologie mit der Natur hat oder die Chemie. Die Kernkompetenz ist die der Distinktion; was nichts anderes ist, als die Fähigkeit, die Sortierkästen zu nutzen. In den MINT-Fächern ist das einfacher als in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Weshalb die Minderbegabten meist MINT wählen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
In meiner Jugend wusste man WERBUNG von PR zu unterscheiden. Wir haben die Marketing-Möpse auf dem Gang nicht mal gegrüßt. Und man wusste PRESSE von PROPAGANDA zu trennen. Wir haben sehr darauf geachtet, ob jemand heimlich Staatsknete nahm. Oder Schmiergeld, heute Spenden genannt. Und von wem. Vor allem woher. Immer wissend, dass es solche Schmuddelfiguren gab, die das eine unter dem Deckmantel des anderen trieben; aber das waren die Ausnahmen.
Das ist heute vorbei. Die Publizistik hat die Distinktion aufgegeben; sie läuft nur noch den Geschäften im Internet hinterher und beteiligt sich willfährig an der Begriffsverwirrung, indem sie englische Modewörter zu Begriffen erhebt. Dazu gehört, dass mit Steuern und „pizzo“ verdeckt finanzierte Propagandisten der amtierenden Regierung und ihrer Behörden (Verfassungsschutz inklusive) verstanden werden als gemeinnütziger Journalismus, der sich von der Vierten Gewalt (schon eine Anmaßung) wortwörtlich zum Gemeinwohl aufgeschwungen hat. Danach ist jede Diskussion überflüssig.
Wir stehen nach dem Verlust der Sortierkästen vor dem Roboter der politischen Apotheke und sind bereit, jede Pille zu schlucken, die er aus seinem okkulten Arsenal hervorzaubert.