Logbuch

POLITIK ALS MALEREI.

Mich hat immer beeindruckt, dass Heinrich der Achte von England seine vierte Ehefrau nur nach einem Portrait des Malers Holbein auswählte. Dass die Düsseldorferin dann als schäbige Mähre aus Kleve am englischen Hof verreckte, zeigt das künstlerische Vermögen Holbeins. Er hatte es halt drauf.

Man kann heute dem frisch gewählten Präsidenten der USA zusehen, wie er mit kräftigen Strichen das Bild seiner neuen Mannschaft malt. Es werden grelle Farben nicht gescheut. Mit dicker Quaste, nicht dem Pinselchen. Dabei sind zarte Sittengemälde aus demokratischer Feder kein Vorbild mehr, wie überhaupt die Pastelltöne der Washingtoner Malschule verpönt sind. Die Neue Rechte will einen Bruch und hat zum Bildersturm den Mut.

Heldenbilder sollen es werden. Wir sehen die unbedingte Vorherrschaft der Ideologie, die sich um Stilbrüche nicht kümmert. Man studiere die Besetzung des Department for Government Efficency mit Elon Musk und Vivek Ramaswamy. Angekündigt als Manhattanprojekt unserer Zeit. Das war der Beginn nuklearer Aufrüstung, globaler Hegemonie. Daran ist für europäische Augen alles zu grell, zu grobschlächtig, wenn nicht großkotzig, Größenwahn klingt an. Aber Vorsicht im Lager der Postkartenmaler! Man nehme nur dies Phänomen Doge. Womit die beiden Migranten da antreten, das ist ernster zu nehmen als es der Auftritt andeutet. Schon der Humor von Doge (sic) Musk mit seinem D.O.G.E ist aus einer gänzlich anderen Welt als die kleinmütigen Genrebildchen der Berliner Schule.

Gleichzeitig übt sich die deutsche Politik eher in der Kita-Kunst, nämlich im „Malen nach Zahlen“. Matt sei der Kanzler, sagt sein geschasster Finanzminister. Überhaupt hat die SPD kein Bild von Führung; in Duldungsstarre sieht sie ihrem van Gogh zu, wie der sich ein Ohr abschneidet. So weit musste es kommen, dass ein Fritz Merz aus Brilon einem Sozialdemokraten vorwerfen kann, sein Amt würdelos ausgeübt zu haben. Das Stigma der Infamie wird Scholz nicht mehr los; er wird den Biden machen müssen.

Jetzt also der Oberbürgermeister von Osnabrück, gegen den ich nichts zu sagen weiß. Boris Pistorius wird also der Picasso der Sozen; von ihm erwarten wir das neue Staatsgemälde. Wer da aber auf ein Fresco wie im Himmel der Sixtinischen Kapelle wartet, der könnte enttäuscht werden. Vielleicht ist es dann doch nur ein Portraitmaler vom Montmartre. Kein Rubens, kein Rembrandt, so weit das Auge reicht.

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SCHMUTZIGE SCHEIDUNG.

Über der politischen Klasse Berlins liegt eine eigenartige Schwermut. Mit dem Ende der Ampel ist eine Ehe zerbrochen, die kein Liebesverhältnis war. Eine Konvenienzehe scheitert und doch, niemand fühlt sich beglückt. Das ist eigenartig. Man weiß nicht, ob die Konservativen, die nun als Hochzeiter anstehen, zum Lachen in den Keller gehen; jedenfalls nehme ich auch dort keine Euphorie wahr. Dass der frisch geschiedene Dreier verdutzt dreinblickt, das versteht man ja noch. Der SPD-Freier hat es schmutzig gemacht. Olaf Scholz wird die Infamie seines Rufmordes an Christian Lindner nicht mehr loswerden. Niemand liebt eine schmutzige Scheidung in seiner Nähe.

Meine Erfahrung ist es, dass das öffentliche Waschen schmutziger Wäsche zwar die Rachegelüste befriedigt; aber auf solchen thymotischen Exzessen liegt kein Segen. Die SPD wollte besudeln und steht nun selbst nicht rein da; man kann wissen, dass der SCHOLZOMAT nur auf eine Gelegenheit gelauert hat. Der spontane Wutausbruch war das kalte Kalkül eines Tricksers. Dirty divorce. In meinem Hinterkopf summt Bob Dylan:
„She Takes just like a woman
Yes, she does, she makes love just like a woman
Yes, she does, and she aches just like a woman
But she breaks just like a little girl.“

Am tiefsten die Fassungslosigkeit der Grünen. Ich habe es schon gesagt: Aus dem einen Bett herausgeflogen, hat die neue Braut die Bettdecke noch nicht zurückgeschlagen. Für die Prosperität auf Pump braucht es aber spendable Partner. Die Kohabitation mit den Schwarzen ist rechnerisch vielleicht möglich, aber die zeigen sich für diese Ehe noch nicht beischlafbereit. Und alle Parteien müssen nun im Februar vor die Wähler. Das birgt Risiken. Wie wird das frustrierte Publikum einer lustlosen Politik auf die Schmierenkomödie reagieren? Ich wage eine Prognose.

Die SPD wählt ein Achtel der Wählerschaft, die Grünen ein Siebtel. Die FDP ein Zehntel (ja, das glaube ich wirklich). Also stehen die Drei aus dem Dreier unterschiedlich abgestraft oder belohnt da. Die CDU/CSU kommt auf ein gutes Drittel; ungebremst der Siegeszug der AfD, die mit 40 % stärkste Fraktion wird. Danke, Olaf. Wenn wir wegen der Finanzierung des Ukraine-Krieges die Schuldenfalle scharf stellen müssen, wird das eine lapidare Reaktion möglich machen: Ohne Krieg keine Kriegsanleihe.

Was sagen Sie? So dumm wird der Wähler nicht sein? Wollen Sie wetten? „You don’t need a weatherman to know which way the wind blows….“ Auch Dylan.

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UNMUSIKALISCH.

Mangels einer Begabung und frei von jeder musikalischen Erziehung kann ich nicht singen. Entgegen der Behauptung des Chorleiters in meinem Dorf, dass jeder könne, wenn er wolle, sage ich: Das ist mir nicht gegeben; ich lasse es. Trotzdem habe ich gelegentlich Lieder im Kopf, meist aus Kindheit und Pubertät.

Gestern, am 11.11., komme ich in der großen Stadt bei der Heimfahrt vom Potsdamer Platz in einen Stau. Blaulicht am frühen Abend, dann sehe ich erste Fackeln.
„Ich geh mit meiner Laterne
Und meine Laterne mit mir
Dort oben leuchten die Sterne
Hier unten leuchten wir.
Mein Licht geht aus; wir geh'n nach Haus
Rabimmel, rabammel, rabum.“
Lassen wir mal die Frage offen, warum St. Martin dem Bettler nur den halben Mantel gegeben hat, ich erlebe Brauchtumspflege. Der türkische Taxifahrer sagt: „Meine zwei Kinder gehen auch mit!“ Die Liebe zur neuen Heimat.

Am Potsdamer Platz waren die ersten Stände des Weihnachtsmarktes aufgebaut und Glühwein duftete. Mit Schuss, versteht sich. Ich höre: „Last Christmas, I gave you my heart. But the very next day, you gave it away. This year, to save me from tears. I′ll give it to someone special.“ Der rundheraus unerträgliche Weihnachtskitsch setzt ein. Aber er rührt natürlich die Herzen der Nation. Eigentlich schwer zu verstehen, wieso die kärgliche Geburt Christi eine solchen Massenwahn der Gemütlichkeit auslösen konnte, aber die „Bescherung durch das Christkind“ hat unsere frühen Jahre geprägt.

Man muss hoffen, dass nicht wieder ein drogengestützter Islamist an einen LKW kommt, den er in einen Weihnachtsmarkt zu steuern weiß. An der Sache stimmt was nicht, wie bei den Flugzeugen von 9/11, finde ich bis heute; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wieder in meiner Kemenate schalte ich den Fernseher an und sehe Bilder aus Mainz und Köln. Am 11.11. ist dort den Hoppeditz sein Erwachen. Oder war das Düsseldorf?
„Einmal im Jahr geht es drunter und drüber, denn einmal im Jahr sind wir alle verrückt
Und dann wird man geküsst, und man küsst immer wieder, man schunkelt man lacht und man sagt ganz entzückt:
Du darfst mich lieben für drei tolle Tage, Du musst mich küssen, das ist deine Pflicht.
Du kannst mir alles, alles Schöne sagen, nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ Steiler Anstieg der Geburtenrate zu erwarten. Kuckuckskinder.

Ich denke über den Begriff der Brauchtumspflege nach. Eine Kultur ist ja in ihren Grundfesten geprägt durch Sitten und Gebräuche. Daraus den Schluss zu ziehen, dass wir vernunftbegabte Wesen sind, scheint mir gelegentlich etwas kühn. Jedenfalls am 11. November. Aber, wie gesagt, ich bin unmusikalisch.

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FROSCHSCHENKEL.

Der russische Spitzenpolitiker Medvedev verhöhnt europäische Kollegen, zu Besuch in der Ukraine, damit, dass sie sich von Fröschen, Leberwurst und Spaghetti ernähren. Über die Ethnisierung von Nahrungsmitteln.

Franzose verzehren Froschschenkel, ja. Der Italiener hält die historisch aus China stammenden dünnen Schürchennudeln für seine DNA. Und dass Olaf Scholz als beleidigte Leberwurst in die Geschichte eingeht, dafür hat der ukrainische Botschafter zu Berlin, ein Herr Melnyk, gesorgt. Über alle drei erhebt sich die russische Kriegspropaganda, an deren Tisch es wässrige Kohlsuppe gibt; genauer gesagt Kaviar im Kreml und Borschtsch für das Volk.

Darf ich als Kartoffel dazu etwas sagen? Wir identifizieren schon immer fremde Menschen mittels ihrer Essgewohnheiten. Das gilt als primitiv („Was der Bauer nicht kennt…“), ist es aber nicht. Auch die bessere Gesellschaft denkt so, aber sie strebt nach exotischem Essen, gehorcht also der gleichen Regel, nur in umgekehrter Richtung. Hier frisst man gerade, was fremd. Und wir reden so, wenn wir uns beim Griechen verabreden oder zum Chinesen gehen. Übrigens esse ich nicht mit Stäbchen; ich habe ein Menschenrecht auf Messer und Gabel.

Stets ohne Löffel. Weil man Suppe ohnehin niemals bestellt; das ist immer Spülwasser, gleich welcher Nationalität. Und wer zu Spaghetti mehr als eine Gabel braucht, ist eh ein Banause. Über das Verzehren der Beinmuskeln von Kröten regt sich niemand auf, der jemals eine westfälische Hausschlachtung miterlebt hat und weiß, wie Wurst gemacht wird. Für den Westfalen kommt zudem die Kartoffel erst in Frage, wenn sie durch das Schwein gegangen ist.

Die Pseudo-Ethnisierung von Restaurants ist inzwischen für jede Mischform zu haben; nennt sich „fusion“. Hatte ich als Student dauernd, genannt Bunte Pfanne, aus den Resten im Kühlschrank. Sei’s drum. Kommt eh alles in einen Magen, pflegte mein Großvater mütterlicherseits zu sagen. Ohnehin ist in Berlin der Chinamann aus Vietnam und der Italiener ein Tamile. Und der Ortsteil Charlottograd weiß viele Russen ansässig. Ich bin aus tiefstem Herzen polyglott. Und liebe gekochte Kartoffeln mit heißer Butter; es gibt nichts besseres.

Zu den Herren des Gases sage ich nichts, wie ich über den Botschafter schweige, der einen Partisanenführer seiner Heimat verehrt, der mit den Nazis kollabierte, die damals im Namen meines Vaterlandes seine Heimat überfallen hatten. Das alles ist evident. Im Übrigen habe ich zurzeit an der Leberwurst nichts auszusetzen, was mich überrascht. Man muss ihm genau zuhören. Er hat von der Zugehörigkeit zur europäischen Familie gesprochen, nicht von der Mitgliedschaft in der EU. Klug.