Logbuch
SHERPAs GLÜCK.
Die Hofmeister unserer Tage heißen Sherpas, meint Bergführer. Diese ZUSCHLÄGER und BOGENSPANNER umschwirren die wirklichen Feldherren wie die Bienen die Blüten der Macht. Davos ist voll davon. Wie gesagt habe ich diesmal leider kein Zimmer mehr gekriegt.
Das Dörfchen Bergün erreicht man mit der Eisenbahn, weist mich der Taxifahrer in Davos rüde zurecht, der offenbar keine Lust auf die Fahrt hat. Wie immer die halbe Wahrheit. In Bergün stapfe ich eine Dreiviertelstunde durch den Schnee, den Rollkoffer auf dem Buckel, bis ich das Chalet erreiche, in das mich AirBnB vergraben hat.
Mit Chalet meint der Eingeborene eine bessere Holzhütte, geteilt in sechs Schlafstuben. Strom ja, Frischwasser na ja und Abwasser in die Grube; willkommen in Graubünden. Preise erhaben. Geheizt wird mit Holz in einem mehr als stattlichen Kaminofen, der festgemauert das Zentrum des Holzhauses bildet. Beste Handarbeit. Ich bin beeindruckt. Mindere Holzqualität, aber hohe Ofenbaukunst. Alle sechs Stunden legt die Vermieterin, ein rechter Wildfang mit rosa Wangen, Fichte nach und die Kacheln halten brav die Wärme.
Ein englischer Investmentbanker, der Tippgeber zum Holzschlösschen, dessen Freundschaft ich mich erfreue, hat das kleine Paradies entdeckt und pflegt einen sehr vertrauensvollen Ton mit der Dame, die Rätoromanisch spricht, also schlicht nicht zu verstehen ist. Alle sechs Stunden legt sie, wie gesagt, Holz nach. Und um Mitternacht da bleibt sie gleich am Ort, da ja um Sechs wieder gefeuert werden muss. Das findet Sir Peter aus der Londoner City äußerst „convenient“. Der Hund.
Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd.
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VON SOLDATENWESEN.
Zürich füllt sich mit Gästen und Kloten mit Privatfliegern aus aller Welt. Es rückt die Elite an, um DAVOS zu bevölkern. Und die Hofschranzen. Ich habe kein Zimmer mehr gekriegt und werde in einem AirBnB dreißig Kilometer weiter in den Bergen hausen; befürchte Schlimmes. Jetzt aber zunächst das WIDDER in Zürich, eines der schönsten kleinen Hotels, das ich kenne. In der Bar treffe ich den Russen.
Der Russe gibt sich alle Mühe mir zu erklären, dass er Lette ist, lettischer Staatsbürger. Das ist plötzlich wichtig. Ich kenne ihn noch aus einer Geschichte rund um das Bernsteinzimmer, in der seinerzeit der SPIEGEL-Chefredakteur unterwegs war. Er handelt heutzutage, sagt er, mit Autographen, sprich alten Handschriften. Alles authentisch, sagt er. Jetzt hat er was aus einem Geheimfach in Goethes Schreibtisch, den Rotarmisten 1945 haben mitgehen lassen. Beutekunst.
Eine Handschrift von Jakob Michael Reinhold Lenz aus dem 18. Jahrhundert, in Thüringen verfasst, als dieser vom Weimarer Hof verstoßen war, da er bei einem Hofball eine Dame von Stand zum Tanz gebeten hatte, was einem Bürgerlichen verwehrt war. Der Fürst war über diese „Eseley“ (Goethe) unterrichtet worden und verstieß den gelehrten Hungerleider. Das kannte ich zum Teil noch aus dem Studium. Klang nicht ganz falsch.
Jetzt aber zu DER WALDBRUDER, dem offerierten Manuskript. Darin soll, sagt der nette Lette, Goethes homoerotische Beziehung zu Lenz offenbart werden, vom Geliebten höchstselbst. Daran wäre einiges bemerkenswert. Goethe hatte zu der Zeit etwas mit der VOM STEIN; er wäre also bi unterwegs gewesen. Das würde mich auf den zweiten Blick nicht mal wundern. Allerdings wäre es mir recht, wenn hier nicht der kreuzbrave Schiller noch in Verdacht geriete, das Liebchen Goethens gewesen zu sein.
Der nette Lette legt nach. Er könne auch die Erstausgabe von Lenzens VON SOLDATENWESEN besorgen, mit dem er Herzog Carl August damals eine bedeutende Reform vorgeschlagen habe, nämlich die Einrichtung von kostenlosen Soldatenbordellen. Da reicht es mir. Ich lasse den netten Letten Lette sein und geh ins Bett. In Davos sollte man ausgeschlafen ankommen. Gratis ist da nämlich nix.
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TRAU SCHAU WEM.
Eine Meinungsumfrage zum beabsichtigten Wahlverhalten, die die BILD AM SONNTAG bei INSA in Auftrag gegeben hat, die sogenannte Sonntagsfrage, sieht die „SPARTACUS-Initiative Sarah Wage-es-Knecht“ einer unbelehrbaren Kommunistin aus der DDR, bei 14 Prozent, so groß und gut wie die SPD (14%) oder die Grünen; FDP (4%) draußen wie die Linkspartei. Ich glaube das nicht wirklich.
Eine Recherche der Faktenchecker COLLECTIV, eine grün-rote Truppe von brotlosen Gesinnungsjournalisten, die einst ein Verleger der WAZ sich herangezogen hat und die nun auf Staatsknete wie Spenden spekulieren, wollen eine WANNSEE-KONFERENZ in Potsdam ausgehoben haben, die rassistische Säuberungen beschlossen habe, gar eine Endlösung. Angehaiderte Ösis, die von Bio-Deutschen schwärmen. Ich glaube das nicht wirklich.
Ich fürchte vorsätzlich keine REVOLUTION von links und keinen REAKTIONÄREN Umsturz von rechts. Beides würde ich selbstverständlich entschieden nicht wollen; weder die DDR noch den NAZI-STAAT. Drohen die denn? Nun sagt man mir: „Wehret den Anfängen!“ Das ist was dran, aber riecht danach, dass man mich drängen will, die lendenlahme Mitte gegen die teuflischen Ränder zu stärken. Das wiederum ist jene Logik, die ich von Notstandsregimen kenne. Ich habe Verdacht auf Propaganda.
Man will mich mit der Furcht vor dem Teufel wieder auf die Kirchenbank zwingen. Das gefällt mir nicht. Ich werde die Mitte nicht deshalb stärken, weil sie mir Angst vor den Rändern macht. Ich werde wählen, aber nicht unter der Knute eines selbsternannten Notstandsregimes, das mit fadenscheinigen Inszenierungen über die eigene Impotenz hinwegtäuschen will.
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GAFFER & FLANEUR.
Die Großstädte beherbergen einen stetigen Fluss von Menschen, morgens hinein, abends raus. Eine im Gleichschritt dahin eilende Horde. Viehtrieb. Zwei Typen widersetzen sich dem. Der GAFFER und der FLANEUR. Eine Beobachtung.
Wenn auf der Autobahn sich die Gegenfahrbahn staut, auf der gar niemand verunfallt ist, so liegt das an den GAFFERN. Diese Vorbeifahrenden wollen einen eigenen Augenschein vom Unglück und gewähren ihrer Neugier die nötige Zeit. Geborstenes Blech und vergossenes Blut, welch eine Attraktion. Mitleidloses Mitleiden.
Der GAFFER ist eigentlich eine Erscheinung der Großstadt des 19. Jahrhunderts. Er ist ein namenloser Passant, den eine Ungeheuerlichkeit lähmt: mit offenem Maul bleibt er stehen und glotzt: Ein Selbstmörder wird aus dem Fluss gezogen, ein Pferd wegen des Beinbruchs erschossen, eine umgestürzte Tram, ein Auflauf. Am Rande dessen die unbändige Neugier in Gestalt eines einzelnen Tropfes, der starr starrt. Der gefesselte Blick auf das Boulevard, später dann in die gedruckte Boulevardzeitung, dann ins elektronische Boulevard des Internets. Mitleidloses Mitleiden.
Das aufgerissene Maul ist allen Dummköpfen als Ausdruck der Verwunderung gegeben. Geifer trieft aus den Mundwinkeln, ein fast tierischer Zustand der Sensationslust. Medial vorgelagert ist dem GAFFER der PAPARAZZI, ein Fotograf mit einem Gafferblick, der jenen Futter liefert, die den ungeheuerlichen Moment versäumen mussten. Der GAFFER ist männlich, schlecht gekleidet und wortkarg. Sein symbolischer Ort im Leben ist eigentlich nicht das Trottoir, sondern der piefige Balkon, von dem aus man sich am Leben delektieren kann, insbesondere wenn es tragisch scheitert, ohne an ihm teilnehmen zu müssen. Oder die Fensterbank. Sagen wir es offen, der GAFFER ist das wahre Subjekt der Massenmedien. Analog wie digital.
Sein Pendant auf den Gehsteigen der großen Städte ist der FLANEUR. Nie bliebe er wegen eines äußeren Anlasses stehen, um mit aufgerissenen Mund auf ein Unglück zu starren. Nie eilt er schnellen Schrittes. Der FLANEUR geht gemächlich seiner Wege, es ist sogar fraglich, ob er ein Ziel hat. Jedenfalls macht er keine Botengänge. Ein Spaziergänger der Metropole. Der FLANEUR ist an allem interessiert, aber von nichts in Beschlag genommen. Er ist etwas zu gut gekleidet, von ungeklärtem Vermögen und riecht auch vormittags leicht nach Absinth. Da er ausschließlich gemäßigten Schrittes unterwegs ist, findet er sich nie in asiatischen Metropolen. Sein symbolischer Ort ist das linke Seine-Ufer (rice gauche) und ein Kaffeehaus von der Klasse des Deux Magots. Wien oder London oder Dublin, das geht auch.
Wenn der FLANEUR aus den Augen des Publikums schwindet, hockt er heimlich und nächtelang in Lesesesseln und liest. Der Flaneur liest viel. Er liest alles. Und ab und an notiert er etwas. Etwa: “Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“