Logbuch
VERWERFLICH SELBSTGERECHT.
Über ein Todesopfer richte man nur mit großer Demut; selbst der Verursacher eines Unfalls kann auf Nachsicht hoffen. Verwerflich ist etwas anderes.
Zum Fall: Eine Radfahrerin wird von einem Betonlaster überfahren; sie kommt bei dem Verkehrsunfall zu Tode, der LKW-Fahrer wird von Passanten mit einem Messer attackiert. Ein besonderes Fahrzeug der Unfallrettung erreicht den Unfallort nicht, weil sich Klimaaktivisten auf dem Pflaster festgeklebt haben, damit der Verkehr zusammenbricht. Man hält Radikales für angezeigt.
Mich stört schon die Protestform, weil sie mich nötig, damit ich ihre Meinung anerkenne. Meinungsänderung durch Nötigung, das ist eigentlich nicht mein Ding.
Ich finde richtig, dass im Verkehr der Größere auf den Kleineren Rücksicht zu nehmen hat; dazu kann man LKW hinreichend ausrüsten. Allerdings ist ein gewisser Anarchismus unter Berlins Radlern nicht zu leugnen. Regeln gelten für die verhassten Autos.
Aus den Unterstützerkreisen der Klimakleber höre ich nun, dass eine Notärztin sich dahingehend eingelassen habe, die Radfahrerin sei so oder so tödlich verletzt gewesen; auch wenn die Rettungsfahrzeuge nicht behindert worden wären, war sie hinüber. Schon der Ton...
Nötigung ist verwerflich, immer. Aber dieser Grad an Selbstgerechtigkeit verschlägt mir den Atem.
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DIE IKEA-ILLUSION.
Wer sich in der Politik Sonderrechte erkämpfen will, muss als Held gelten, der vor Bösem schützt. Über die Erfindung des FEINDES als Selbsterschaffung von Freundschaften.
Ich erfuhr gestern Unterrichtung über die FRIESISCHE FREIHEIT durch einen Eingeborenen in einem Städtchen des hohen Nordens. Die als Ostfriesen sprichwörtlichen Küstenbewohner haben schon vor über tausend Jahren erreicht, dass sie als „reichsunmittelbar“ oder „reichsfrei“ galten. Sie mussten nicht in den Krieg. Ich staune.
Die selbstbewussten Landwirte im Friesischen akzeptierten keine Herren über sich, außer den Kaiser selbst, aber diesen eigentlich auch nicht, da sie von der Teilnahme an dessen Feldzügen freigestellt waren. Strittig ist nur, ob die das Privileg Karl dem Großen oder Karl dem Dicken abgerungen haben. Es gab im Friesischen Frieden keine regionalen Feudalherren, die ansonsten dem Volk auf der Tasche lagen. Und der Kaiser kriegte keine Soldaten. Ein Vorbild der Freiheit?
Begründet wurde das mit der Deichpflicht (Nordsee ist Mordsee). Na gut. Vor allem aber mit der Abwehr der Wikinger. Lange war Skandinavien der Ursprung eines räuberischen Volkes, das küstennahe Piraterie betrieb. Die Vorfahren der Schweden besetzten fremde Küsten, raubten und brandschatzten, vor allem schwängerten sie auf Teufel komm raus, um sich dann wieder zu verpissen. Daher die blonden Italiener.
Vor den Wikingern sollte der freie Friese sich und den Kontinent schützen, da konnte er schlecht mit dem Kaiser nach Jerusalem ziehen oder feudale Pachtherren füttern. So das Stammesnarrativ der Friesen. Clever. Vor allem sieht man aber, dass unsere germanische Vorliebe für das Land von Pipi Langstrumpf, das Bullerbü-Syndrom, historisch noch sehr frisch sein muss.
Nach der IKEA-ILLUSION wohnen im Norden ja die besseren Menschen. Während des Dreißigjährigen Krieges waren sie aber so beliebt wie heute die Russen. Dass auch die friesische Freiheit nicht ewig hielt und zu einer Häuptlingsherrschaft verkam, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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ANALOGIEN.
Die Antiken hielten den Menschen für ein Tier. Die Aufklärer für eine Uhr. Und die Postmoderne für einen Computer. Was werden unsere Enkel als Vergleich wählen?
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DAS HINTERHAUS.
So nannte Anne Frank ihr Tagebuch aus dem Versteck, als die Nazis das besetzten Amsterdam von der jüdischen Bevölkerung „säubern“ wollten; was den Schergen leider weitgehend gelang. Auch Anne Frank wurde umgebracht.
Noch im März 1945 starb sie, wenige Wochen vor der Befreiung, im KZ in Bergen-Belsen. Ihr Tagebuch von 1942 bis 1944 erschien 1947 in Holländisch erstmals. Ein Dokument, wie sich die Seele eines heranwachsenden Kindes gegen die Barbarei stemmt. Es folgt ein schwierige Publikationsgeschichte mit Versuchen auch der Holocaust-Leugnung. Heute besuchen jedes Jahr eine Million Besucher in Amsterdam das Hinterhaus, ein Museum zu ihrem Gedenken. Gut so, vielleicht etwas zu touristisch gehalten.
Das Hinterhaus ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte. Anlass für eine amerikanische Autorin jetzt eine „cold case investigation“ im Stile der „true crime novels“ zu veröffentlichen, die der Frage nachgeht, wer das Versteck damals an die Nazi-Polizei verraten haben könnte. Beim Sicherheitsdienst SD hatte Leutnant Julius Dettmann vom Referat IV B4 einen Tipp zum Versteck erhalten und schickte Unteroffizier Karl Josef Silberbauer los, der dort am 4. August 1944 fündig wurde. Wer aber war der Verräter bei dem „true crime“ ?
Mir behagt diese Verwurstung von Geschichte (Historie) zum Krimi-Stoff (Histörchen) nicht. In meiner Familie wiegt der Ernst dieser Zeiten nach. Tanten, die als Nonnen ein Waisenhaus in Holland leiteten, versteckten damals jüdische Kinder vor den Nazis, indem sie ihnen neue Identitäten gaben. Die Familie hatte mit einigen der so Überlebenden noch lange nach dem Krieg Kontakt; die Mutter von drei der versteckten Kinder überlebte zudem das KZ. Wären sie dabei erwischt worden, die tapferen Nonnen aus Deutschland, hätte es kurzen Prozess gegeben. Es ging gut; die versteckten Kinder überlebten. Das Thema hat eine gewisse Schwere.
Das verwurstet man nicht zum Krimistoff. Und selbst, wenn man nun den Verräter ermittelt hätte … Wir wollen hinter den Herren Silberbauer und Dettmann (siehe oben) bitte nicht all die Herren hinauf bis zu Hitler und Eichmann vergessen. Und jene Nachbarn, die hätten helfen können, aber weggeschaut haben. Ich lese in einer fabelhaften amerikanischen Rezension, die Frage, wo eigentlich das holländische Königshaus zu der Zeit war. Und wie die restliche Welt mit den jüdischen Flüchtlingen umgegangen ist. Gute Fragen, aber bitte nicht als larmoyanten Tatortstoff.