Logbuch
Heimarbeit.
Der US-Gigant Alphabet, Mutter von Google, soll die Verdammnis der Heimarbeit bis Juni 2021, sprich bis Mitte nächsten Jahres, verlängert haben. Soll er seinen Heimarbeitern gemailt haben. Lese ich in den Nachrichten. In mir wächst ein Verdacht: die ändern das nie mehr. Die Kostenersparnis ist einfach zu verlockend. Frühkapitalismus, halbfeudal. Der Fabrikherr muss keine kostspieligen Hallen mehr bauen, weil er ja die Wohnzimmer seines atomisierten Proletariats fürderhin gratis nutzen kann. Es erübrigt sich auch der Unsinn mit Kantinen und Sozialräumen. Und der mit Betriebsräten. Das Opfer müssen dann mal die Familien bringen, sprich die mehrfach belasteten Frauen. Historische Frage: Wie war das noch mit den Webern im 19. Jahrhundert?
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Raubtier-Kapitalismus.
Das ist es ja, wovor uns die Linke beschützen will. Dass wir ehrlichen Menschen zur Beute von Bestien werden, das soll nicht sein. Darauf haben hart arbeitende Menschen auch ein Recht; dafür zahlen sie Steuern. Ein solch böser Dschungel soll insbesondere an den internationalen Kapitalmärkten herrschen. Wenn die Linke nun das zuständige Finanzministerium hat und die Bundesanstalt für Finanzaufsicht, dann sollte ihr das leicht fallen. Löwenbändiger zu sein. Zu verhindern, dass der Mensch des Menschen Wolf wird. WC oder Wirecard zeigt, wie jämmerlich hier die SPD und Olaf Scholz versagt haben. Man hat bei massiver Verdachtslage eine Anfrage an die Behörden in Singapur geschickt und die haben einfach nicht geantwortet. Voll gemein. Mit diesen Worten wurde das Parlament informiert. In sich schon jämmerlich. Zu allem Überfluss wohl auch noch schlicht gelogen. Da ist sie, die Selbstvernichtung der Linken. Folgender Verdacht kommt auch wohlmeinenden Zeitgenossen: Dieser WC-Kapitalismus ist kein Dschungel, sondern ein Zoo, in dem die Wärter die Käfige offenstehen lassen und schlafen. Stattdessen das alte Spiel von „ tax & spent“ (großzügige Wohltaten mit dem Geld anderer Leute). Und jetzt Sie, Herr Vizekanzler Scholz.
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Neues Geld vs alte Klasse. Der amerikanische Geschäftsmann trug früher glänzend poliertes Schuhwerk minderer Qualität. Sein englisches Pendant teures Pferdeleder, dramatisch ungeputzt. Man konnte den Eindruck haben, dass er die Budapester von einem Domestiken einlaufen lassen ließ. Man sah, wenn ein Anzug aus der Jermyn Str. kam. Der Gegensatz zerfällt. Heute sehe ich beide Herren wie Teenager in Sneakers („Turnschuhe“), Jeans („Nietenhose“) und Sporthemd (geknöpfter Kragen, Innenbordüre); na gut. Aber die Aktentasche, früher ein Koffer, hier wie dort jetzt ein allzu buntes Handtäschchen, eher Frisösenbedarf. Irritierend.
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INFAMIE.
Heute bezeichnet das eine besonders hinterhältige und niederträchtige Angelegenheit. Früher war es ein verliehener Zustand der Ehrlosigkeit. Interessant zu wissen.
Der kirchlichen und feudalen Herrschaft des frühen Mittelalters waren Juden ein Dorn im Auge, Muslime und andere Heiden, insbesondere die Aufmüpfigen mit eigener Heilslehre (Häretiker genannt). Man nahm ihnen die EHRENRECHTE, womit sie keine Rechtsgeschäfte mehr tätigen konnten. INFAMIE wurde verhängt.
Die HEILIGE INQUISITION, insbesondere die spanische (die bei Monty Python immer von hinten angeritten kommt) perfektionierte die spontane Infamie zur systematischen Inquisition; die Folter wurde sorgfältig dokumentiert, was Fundamentalisten des Katholischen für einen Fortschritt halten. Bei leichteren Irrlehren wurde nur noch die Zunge des Infamen herausgeschnitten.
Wer Ehrverlust verhängen will, muss Ehrhaftigkeit kanonisieren; kann aber auch Ausnahmen genehmigen. Das nannte man PRIVILEG. Mancher Jude erfuhr das, wenn man ihn als Bankier im Adel brauchte. Der Rassismus durfte dann zurückstehen, für eine Weile. Vielleicht setzt hier der Bedeutungswandel des Begriffs an. Das schändliche Verdikt der Macht wird zum charakterlichen Feindbild des Ausgegrenzten umgelogen.
Heute gilt als infam, wer heimtückisch und skrupellos einen Hinterhalt stellt. Ohne den juristischen Begriff bemühen zu wollen, eine besondere Schwere der Tat. Also nicht nur unsportliches Verhalten, mangelndes FAIR PLAY, sondern eine richtig miese Nummer, durch die man seine EHRE einbüßt; wohlgemerkt als Täter, nicht als Opfer. Muss man ja dazusagen.