Logbuch
WE’LL MEET AGAIN.
Morgen früh werden gläubige Christen entdecken, dass das Grab des Herrn leer ist. Auferstehung. Eine kontrafaktische Hoffnung für die Zweifler. Das hat was, auch wenn es nicht stimmt.
Die Auferstehung von den Toten ist eine sehr alte Hoffnung. Deshalb haben sich die Pharaonen schon einbalsamiert bestatten lassen. Mit großem Aufwand. Mumien habe ich im Britischen Museum in London bestaunt. Ein Ort, der die umfänglichen Grabplünderungen, Kunstdiebstähle und andere Raubzüge der imperialistischen Gentlemen des Commonwealth in etlichen Kontinenten zeigt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wie singt noch die wunderbare Vera Lynn? „We’ll meet again.“ Der Charme liegt gerade nicht im Faktischen. Der Begriff des KONTRAFAKTISCHEN stammt, soweit ich weiß, von dem Soziologen Jürgen Habermas; er charakterisiert dort die Hoffnung auf einen herrschaftsfreien Diskurs. Mir erscheint das LEERE GRAB eine solche wunderbare Hoffnung, selbst wenn man nicht an ihre Wirklichkeit glaubt. Devise: auch kontrafaktisch gut. Aber das ist ja eh klar, was wahr ist, das muss nicht wirklich sein. Vor allem muss nicht alles banal Reale auch wahr sein. Daran erkennt man ja die Halbgebildeten, dass sie Wahrheit und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden wissen. Frohe Ostern.
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WUNSCHTRÄUME.
Die Sehnsüchte der Menschen sind ein Spiegel ihrer Nöte. Siehe der HEILIGE GRAL bei König Artus und den Rittern der Tafelrunde.
Ich komme drauf, weil mir ein Londoner Antiquariat einen Katalog zu „Atheriana“ schickt; alles Bücher zum Mythos von King Arther. Scheint im Norden eine richtige Gattung zu sein, hatte ich noch nie gehört. Der uralten keltischen Sage nach sitzen die Tafelritter auf einer Burg namens Camelot, wenn sie nicht gerade wilde Abenteuer zu bestehen haben, und behüten den HEILIGEN GRAL. Was ist dieses magische Ding? Die Christen haben daraus fast tausend Jahre später den Kelch gemacht, aus dem Jesus beim Abendmahl getrunken haben soll. Eine Nachdichtung. Der Ursprung dessen hat mich interessiert. Dann sieht man, dass die Wunschträume der Menschen sehr nah an ihren Alpträumen waren.
Ursprünglich ist der Gral ein Ess- oder Trinkgefäß, eine Schale oder ein Kelch, dessen Inhalt nie versiegt. Immer zu essen, immer zu trinken. Wir sind in Zeiten, in denen HUNGER & DURST die dringendsten Nöte waren. Für alle Zeiten Brot, für alle Zeiten Wein: das waren die größten Sehnsüchte. So wurde in unzähligen Sagen des Nordens der HEILIGE GRAL verehrt. Weil der Magen knurrte.
Dass auch noch die Seele knurrte, das kam historisch sehr viel später. Karfreitag ist den gläubigen Christen die Erlösung von der Erbsünde. Da waren die Alten bodenständiger.
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ZUM GRIECHEN.
Ouzo aufs Haus? Klar! Wir gehen „zum Italiener“ oder „zum Chinesen“, der in Berlin Vietnamese ist. Und es gibt die INDER, die Pakistani sind, die Pizza & Pasta anbieten. Störgefühl. Warum? Der Franzose steht für hohe Kochkunst, der Grieche für Tonnen von Fleisch. Geht das auch andersrum? Das beste Fischlokal, das ich kenne, ist „ein Türke.“ Hier mischen sich Vorurteile, also nationalistische Stereotypen, mit Sitten & Gebräuchen, sprich „elementarer Soziokultur.“ In der ETHNISIERUNG der Esskultur schwingt neben dem Kulinarischen viel von kruden Vorstellungen des NATIONALCHARAKTERs. Eigentlich aus den großstädtischen Migrationskulturen entstanden, also jungen Unternehmungen, die die Küche ihrer Heimat anbieten, sind es heute MODEN der Garküchen. Moden mischen sich. Die politisch Korrekten wissen allerdings, sagen die mit hochgezogener Augenbraue, von authentischen Lokalen; auch das, wenn man es genau nimmt, ein Nationalismus. Ich ging früher, als es noch pandemisch erlaubt war, gern zu einem Lokal, das, in welcher Tradition auch immer, DEUTSCHES HAUS hieß, aber jetzt ein „Jugo“ (so der örtliche Straßenslang) war, dessen tüchtiger Inhaber von Kroatien als seiner „Heimat“ sprach. Das hat mir gefallen. Er hatte am Ort Koch gelernt und ist als Inhaber ein toller Gastgeber. Wir aßen nicht authentisch, sondern nach Neigung. Auch standardmäßiges der sogenannten INTERNATIONALEN KÜCHE (eigentlich ein echter Drohbegriff für schlechte Gastronomie). Das Wiener Schnitzel für die Blonde, das Rinderfilet für mich. Ausgezeichnete Bratkartoffeln. Multi-Kulti als entspanntes Zusammenleben. Man wagt es kaum zu sagen: so soll es doch sein.
PS: Bei „dem Türken“ mit dem ausgezeichneten Fisch begrüßt mich ein Kellner herzlich, weil er mich aus einem Nachbarlokal kenne, einem sündhaft teurem „Italiener“, wo er früher gearbeitet habe; der Mann ist aus dem Libanon. Und ich gehe nicht mehr zu dem Italiener, weil er mir für ein Glas Grappa einen deutlich zweistelligen Euro-Betrag abgenommen hat.
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DAS INTERVIEW.
Zum Überflüssigsten gehören Interviews mit SPORTLERN. Wegen der unzureichenden Antworten. Neu ist, dass die Matadore jetzt abbrechen, weil ihnen SCHEISSFRAGEN gestellt werden. Das könnte Schule machen in der Politik.
In der Pädagogik gibt es den Leitsatz, dass es keine dummen Fragen gebe. Damit will man auch die Minderbegabten zu einer aktiven Unterrichtsteilnahme locken. Wie so vieles im Pädagogischen („Jezz stelle mir uns ma janz dumm und frajen…“) ist das natürlich Unsinn. Es gibt schreienddumme Fragen. Daraus dann noch eine ganze Stunde Unterricht zu zaubern, das nennt man pädagogisches Geschick.
Schlimmer in der Politik. Ein von mir nicht geschätzter SPD-Politiker pflegte zu erzählen, dass er ein Interview mit einer jungen Dame von Bloomberg unterbrochen habe, um das amerikanische Wesen zu fragen, ob sie überhaupt wisse, wer er sei. Die Journalistin verneinte ohne zu erröten. Das werde sie recherchieren, wenn sie das Gefühl habe, dass sie etwas mit den Antworten anfangen könne.
Nach meiner persönlichen Talkshow-Erfahrung werden Fragen ohnehin überschätzt. Als routinierter Gast nutzt man die Pause nach der Frage, um das zu sagen, was man los werden will. Sollte die Gastgeberin nachhaken, lächelt man wissend und sagt noch mal, was man ohnehin loswerden wollte. Um dann wieder wissend zu lächeln. Der Zuschauer folgt eh nur der Körpersprache. Also achte man auf die Beinhaltung. Fragen sind Schall und Rauch.
Und jetzt noch ein Geheimtipp: die Sprechpause. Was niemand erträgt in dem ganzen Medienzirkus ist Stille. Ich hatte mal einen Chef, der seine ungelenke Art zum Kult ausgebaut hatte und mitten im Satz mehrere Minuten Schweigen konnte. Er sagte nix und guckte nachdenklich. Die automatischen Bandgeräte schalteten schon ab. Er schwieg. Und redete nach einer gefühlten Ewigkeit weiter. Ohne dass ein Grund für die Pause erkennbar wurde. Das Charisma des Willy Brandt kam zu einem guten Teil aus dieser Technik der Verzögerung. Willy konnte aus jeder Belanglosigkeit eine staatstragende Predigt machen, indem er sich unmotiviert Zeit ließ. Wichtig dabei ist eine Stirn in Falten.
Wer war noch der legendäre Boxer, der in einem Interview, das ihm stank, einfach gar nichts sagte? Die ganze Zeit, auf jede Frage, Stille. So, und jetzt auch hier: Der Rest ist Schweigen.