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PRESSEKONFERENZ.

In welchen Treibsand Twitter & Co. uns getrieben haben, merkt man erst, wenn man eines der alten Formate wiedererleben darf. Pressekonferenz. Ein kurzer Vortrag mit wenigen aussagekräftigen Schaubildern eines ausgeruhten Vorsitzers, daneben sein Pressechef. Klare Nachrichten. Wertvoller Hintergrund. Ein einziges Mal überfragt, liefert der Pressesprecher die Zahl nach.

Kompetente Fragen gutinformierter Journalisten vom Fach, viele davon alte Hasen. Geneigt, aber kritisch. Man kennt sich. Das war die Übung gestern. Heute Morgen im Ergebnis eine Bombenpresse. So soll das sein. So war das früher, als das PR-Geschäft noch von denen gemacht wurde, die die Gegenseite schätzten. So reden CEOs, die mit allen Parteien, sprich Stakeholdern, können. Unternehmenskultur an der Ruhr.

So geht Presse. So geht PR. Es ist vieles verrutscht in der affektgesteuerten Meinungshatz der On-line-Meute. Ein Kulturverlust. Was bleibt? Erkenntnisekel und Melancholie.

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LESERGEMEINDE.

Mit dem Internet ist eine Illusion verbunden, die des herrschaftsfreien und für jedermann kostenlosen Forums freier Meinung. Habermas für alle. Das widerspricht aber dem Wesen des Mediums.

Auf dem Kurzkommentardienst Twitter ist gerade ein eigenartiges Phänomen zu beobachten. Die Nutzer wehren sich gegen den neuen Verleger, der sie künftig zur Kasse bitten will. Bisher war der Dienst vermeintlich gratis; man erlaubte aber die verdeckte Nutzung persönlicher Daten durch Dritte, ökonomisch zugunsten des Verlegers. Jetzt soll es obendrauf 8 Dollar pro Monat kosten.

Bei Zeitungen hieß das früher Lesergemeinde, wenn die Abo-Kunden dachten, der Laden gehöre ihnen. Davon sind Verleger reich geworden. Am dümmsten mal wieder die frühere rote Staatssekretärin für Twitterei in Berlin. Wie es sein könne, dass jemand, der so dumm sei wie der neue Verleger so reich geworden sei. Fragt sich die Einfalt Sawsan Ch. Das liegt natürlich an der Idiotie seiner Kunden. Die Internet-Illusion scheint unzerstörbar. Twitter eine Hammelherde, die von ihrem Hirten geschoren wird. Der Herr ist mein Hirte. Seinen Namen nennt man besser nicht.

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DUMMY WIRD DICK.

Aus England höre ich, dass mehr als ein Viertel der Bevölkerung deutlich fettleibig sei. Man misst das mit dem berühmten BMI, dem Körpermasse-Index. Der Dicken-BMI liege über 30, so dass jetzt Mannequins mit einem Wert von 35 gefragt seien. In den USA muss die Adipositas noch verbreiteter sein. Leben mit 300 kg, das ist eine TV-Serie.

Das hat Folgen für die Unfallforschung. In den Crash-Tests sitzen ja Puppen in den geschundenen Karosserien, die so menschenähnlich sind, dass die Schäden am Dummy auf Menschen übertragbar sind. Neue Dummy-Puppen brauche das Land, da immer Dicke am Volant säßen. Zum Beispiel käme der explodierende Airbag dem Überernährten oft zu nahe.

Das erinnert mich an einen englischen Motorjournalisten des Telegraph, der mich mal darum bat, statt des Dummy als leibliche Person an einem Crashtest teilnehmen zu dürfen. Wir haben das damals bei VW möglich gemacht. Andrew English hieß der Kollege, ein wirklich feiner Kerl! Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es wandelt sich auch das Antlitz der Autos selbst. Das stellt gerade der fabelhafte Franz Rother am neuen 7er BMW (E-Version) fest, dessen Gesicht ein riesiges Maul zeigt, wo einst nur ein Haifischlächeln zu sehen war. Der SUV-Stil aller Edelkarossen wandelt die Physiognomie eines Hais in die des Walfischs. Riesige Mäuler stehen gähnend offen.

Und so ähneln sich dann Fahrer und Kühlergrill. Auch wenn der Antrieb vom Verbrenner zum Elektromotor wechselt. Das Gewicht steigt; beim klitzekleinen Mini alter Prägung waren es 600 kg, beim neuen E-Mini 1800 kg. Ich fürchte, dass es bei dem Walfisch, mit dem ich die Weltmeere durchpflüge, ein Großmaul namens Audi SQ7, mehrere Tonnen sind. Gedankenblitz: Ich muss auf meinen BMI achten.

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DAS INTERVIEW.

Zum Überflüssigsten gehören Interviews mit SPORTLERN. Wegen der unzureichenden Antworten. Neu ist, dass die Matadore jetzt abbrechen, weil ihnen SCHEISSFRAGEN gestellt werden. Das könnte Schule machen in der Politik.

In der Pädagogik gibt es den Leitsatz, dass es keine dummen Fragen gebe. Damit will man auch die Minderbegabten zu einer aktiven Unterrichtsteilnahme locken. Wie so vieles im Pädagogischen („Jezz stelle mir uns ma janz dumm und frajen…“) ist das natürlich Unsinn. Es gibt schreienddumme Fragen. Daraus dann noch eine ganze Stunde Unterricht zu zaubern, das nennt man pädagogisches Geschick.

Schlimmer in der Politik. Ein von mir nicht geschätzter SPD-Politiker pflegte zu erzählen, dass er ein Interview mit einer jungen Dame von Bloomberg unterbrochen habe, um das amerikanische Wesen zu fragen, ob sie überhaupt wisse, wer er sei. Die Journalistin verneinte ohne zu erröten. Das werde sie recherchieren, wenn sie das Gefühl habe, dass sie etwas mit den Antworten anfangen könne.

Nach meiner persönlichen Talkshow-Erfahrung werden Fragen ohnehin überschätzt. Als routinierter Gast nutzt man die Pause nach der Frage, um das zu sagen, was man los werden will. Sollte die Gastgeberin nachhaken, lächelt man wissend und sagt noch mal, was man ohnehin loswerden wollte. Um dann wieder wissend zu lächeln. Der Zuschauer folgt eh nur der Körpersprache. Also achte man auf die Beinhaltung. Fragen sind Schall und Rauch.

Und jetzt noch ein Geheimtipp: die Sprechpause. Was niemand erträgt in dem ganzen Medienzirkus ist Stille. Ich hatte mal einen Chef, der seine ungelenke Art zum Kult ausgebaut hatte und mitten im Satz mehrere Minuten Schweigen konnte. Er sagte nix und guckte nachdenklich. Die automatischen Bandgeräte schalteten schon ab. Er schwieg. Und redete nach einer gefühlten Ewigkeit weiter. Ohne dass ein Grund für die Pause erkennbar wurde. Das Charisma des Willy Brandt kam zu einem guten Teil aus dieser Technik der Verzögerung. Willy konnte aus jeder Belanglosigkeit eine staatstragende Predigt machen, indem er sich unmotiviert Zeit ließ. Wichtig dabei ist eine Stirn in Falten.

Wer war noch der legendäre Boxer, der in einem Interview, das ihm stank, einfach gar nichts sagte? Die ganze Zeit, auf jede Frage, Stille. So, und jetzt auch hier: Der Rest ist Schweigen.