Logbuch

ZWEIFEL.

Ich summe einen Ohrwurm und weiß nicht warum: „Living next door to Alice…“ Das muss fast vierzig Jahre alt sein. Heute lebt man neben Alexa. Auch eine unerreichbare Schönheit. „Who the fuck is Alice?“ Oder eben Alexa. Die neuen Konversationsautomaten erkennen jetzt auch Gefühle, lese ich im Netz. Ich bin tief unbeeindruckt. Zurück zur Wissenschaft.

Als der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann 1994 einen kleinen Vortrag zum Wesen der MASSENMEDIEN halten sollte, muss er zuvor eine Aufführung von Shakespeares Hamlet gesehen haben. Ich stelle mir vor, wie er mit dem Bus von Oerlinghausen in die Innenstadt fuhr und im Stadttheater saß, amüsiert über Horatio, den Diener Hamlets. In der Pause machte er sich im Foyer eine Notiz.

Der Luhmannsche Vortrag beruht auf der These, dass alles, was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt wissen, in der wir leben, wir durch die Massenmedien wissen. Darin liegt eine bewusste Verkürzung, die man seinem Wissenschaftshumor zurechnen kann. Und eine höhere Wahrheit; dreißig Jahre später umso mehr. Das kleine Scheißding aus Kalifornien bestimmt unsere Weltsicht. Und ob das die ganze Wirklichkeit ist, die TikTok für uns inszeniert, da ist jeder Zweifel berechtigt.

Horatio sagt also: „So I have heard and do in part believe it!“ Alles ist Hörensagen und wir werden einen Zweifel darüber, wie weit dies stimmt, nicht los. Übrigens ist das keine kritische Haltung besserer Kreise (etwa von Professoren aus Oerlinghausen), sondern auch dem BILD-Leser wie dem TikToker präsent. Ein guter Teil des Amüsements besteht ja darin, dass die Mitteilung überspitzt ist, wenn nicht schlank erlogen. Wer sich an Sensationen selektieren will, der ist großzügig, was den Wahrheitsgehalt angeht. Und um Wirklichkeit geht es nie.

Man kann schlecht auf einen Witz hin fragen, ob er denn stimme. Man erkundigt sich nach der Mitteilung „Kommt eine Frau beim Arzt“ nicht danach, um welche Kassenarztpraxis es dabei gehe. Schon die Zuhörer des blinden Sängers Homer hatten Zweifel, ob Odysseus wirklich so tapfer war, wie das Lied es ausmalt. Nein, Harry Potter beruht nicht auf wahren Ereignissen, da hat Markus Krebs eben leider recht.

Bei den Verkürzungen des Soziologen Luhmann, den viele für völlig unlesbar halten, handelt es sich oft um Einsichten, die für den Alltagsverstand erst ein Vierteljahrhundert nach deren Erstveröffentlichung wahr werden. Das Internet beweist die Systemtheorie, weil es ein kybernetisches Universum ist, das nur so aussieht als handle es sich um menschliche Kommunikation. Wir müssen jetzt ganz stark sein: Alexa wohnt nicht nebenan. So I‘ve heard and do in part believe it.

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VOLKSTÜMLICH.

„Das Volk ist nicht tümlich“, pflegte der große Dichter Bert Brecht zu sagen, wenn er seine Abneigung gegen naturalistische Darstellungen einfacher Menschen zum Ausdruck bringen wollte. Es hat schon immer einen Kitsch regionaler Alltagskultur gegeben, Brauchtum genannt. In den Urlauben meiner frühen Jugend am Chiemsee waren das die krachledernen Oberbayern. Ich erinnere den Exotismus sogenannter Heimatabende.

Ein Teil dessen war natürlich das Feiern der Dialekte, sprich der regionalen Lautung, was aber auch Soziolekte waren, Unterschichtsprache, aber immer eben „Mundart“. Was für ein schönes Wort. Sprachkunst des Alltäglichen. Im Bayrischen für mich durch Karl Valentin und Gerhard Polt zur Vollendung gebracht. Wer der regionalen und sozialen Restriktion seiner Redeweise eine persönliche Note hinzuzufügen weiß, der kann von seinem Idiolekt leben.

Man kann immer leicht über die Albernheit anderer amüsiert sein, was die eigene Sprachfärbung angeht, da ist man empfindlicher. Ich stamme aus dem „rheinisch-westfälischen Stadtbezirk“, den die Eingeborenen das „Revier“ nennen und Touristen den „Pott“. Hier hat es nie Heimatabende gegeben und schon gar keine Volksmusik. Man war hier nicht völkisch. Wer mit Emscherwasser getauft ist, romantisiert nicht. Und meine Frau Mutter hat großen Wert auf das hohe Deutsch ihrer Herrschaft gelegt, als aus dem Junge was werden sollte, den sie ins Gymnasium geschmuggelt hatte.

Ich betrachte die jüngste Propaganda der Essener Brost-Stiftung um personale Stilblüten als „Typen von der Ruhr“ mit entschiedener Zurückhaltung. In Berlin ersonnen. Schon der Bochumer Schauspieler Jürgen von Manger war ein mittleres Talent vom Mittelrhein; der Mann kam aus Koblenz! Heute sind wir mit dem Duisburger Markus Krebs auf dem untersten Niveau des Erzählens von „Witzkes“ angekommen. Brennholzverleih. Dazwischen liegt Herbert Grönemeyer, über den ich hier kein Wort verlieren werde.

Man verbindet mit der Sprache seiner Jugend stets auch irrationale Heimatgefühle, da die Erinnerung an eine glückliche Kindheit nachwirkt; später auch die Wehmut über den Verlust der Eltern, jedenfalls Sentimentales. Ich zucke immer zusammen, wenn ich in der Fremde jemanden „hömma“ sagen höre, der um Aufmerksamkeit bittet. Oder das Seufzen höre, das resignierend „mann-oh-mann“ ausstößt. Aber mein Idiolekt als Gegenstand der allgemeinen Volksbelustigung? Das geht zu weit.

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WEN WIR LIEBEN.

Beim CDU-Parteitag rief ein Greis unter Beifall ins Auditorium: „Es lebe das geliebte deutsche Vaterland in einem geeinten Europa. Es lebe die Freiheit!“ Was denn nun davon? So war zumindest meine Reaktion. Die pleonastische Formel sollte klarstellen, dass man Patriotismus will, aber den Verdacht des Nationalismus vermeiden. Eine typisch deutsche Verrenkung.

Ich verstehe nicht mal das Wort. Von einem „geeinten“ Europa ist die Rede. Geeint. Warum fällt mir das so auf? Und was soll das sein? Meint das „einheitlich“? Wohl kaum. Oder „einig“? Dazu sind die Differenzen zwischen den Staaten doch wohl zu groß. Oder soll das „Wiedervereinigung“ meinen? Das kann ja nicht, weil es eine aufgehobene Teilung einschlösse, so wie bei meinem deutschen Vaterland oder zwischen den Nord- und Südstaaten der United States of A.

Im Englischen ist das klarer; da meint „united“ eben „vereint“, so wir es bei den „Vereinigten Staaten von Amerika“ gesehen haben, die einen regelrechten Bürgerkrieg durchlitten und dann einen Föderalstaat bildeten. Oder in europäischen Vielvölkerstaaten, Belgien etwa. Aber das ist ja nicht Konsens in der Europäischen Union, dass das Brüsseler Gebilde ein „eigener“ Nationalstaat sei. Worauf also hat man sich „geeinigt“, um dann „geeint“ zu sein, aber keine „Einheit“?

Wohl eher ein loser Staatenbund, aus der Idee des Völkerbundes entstanden, ein Bündnis also, also eine Einheit der Vielfalt. Dessen Gremium ist der Europäische Rat, in dem die Regierungschefs das Sagen haben; bei entscheidenden Fragen nach dem Prinzip der Einstimmigkeit. Dem ist das Europäische Parlament untergeordnet, eine viel zu große und viel zu bunte Versammlung von relativ bedeutungslosen Abgeordneten, die kein eigenes Initiativrecht haben, eine reine Quasselbude, ein Beiwerk am Rande der Macht. Europa sind der Rat und seine Kommission.

Trotzdem sollen wir jetzt zur Wahl gehen, sagen drei alte Männer in Rom, Wien und Berlin. Der Spott über sie ist größer als es ihre Funktion als Staatsoberhäupter eigentlich angemessen erscheinen lassen würde. Der Ösi ein Grüner für eine schwarz-braune Republik und der aus Rom hört auf den Spitznamen „das Nudelholz“. Zu dem deutschen Herrn mit der Dönerschürze, bräsiger Herrscher in Schloss Bellevue, fällt mir nichts mehr ein, was nicht völlig respektlos klänge. Aber Staatsoberhäupter sind in Republiken eh beiläufig.

So wie das in Straßburg und Brüssel tagende Wander-Parlament beiläufig ist, in diesem Europa der Regierungschefs und ihrer Kommission, der von diesen bestimmten Geschäftsführung eines Gebildes, auf das man sich halt unter den Regierungen der Nationalstaaten „geeinigt“ hat. Das Prinzip der „Einigung“ ist der Proporz, was ein Verteilungsschlüssel, aber eben dem Wesen nach keine wirkliche Einigung ist.

Was ist uns Europa? Kein Bruderkrieg. Da fängt es an. Und „der Westen“, eine Tradition individueller Freiheit. Jetzt wird es schwierig. Ein liberales Bündnis? Hier hört es auf; Ungarn ist raus. Die politische Rechte sowieso. Eine Währungsunion? Nicht ganz. Eine Wirtschaftsgemeinschaft? Was treiben hier eigentlich die Norweger? Europa ist eine Idee. Die beginnt beim Verzicht auf Binnenkriege. Viel mehr ist es bisher nicht. Und zum „geliebten deutschen Vaterland“, sage ich heute, am Muttertag, da hat Gustav Heinemann alles notwendige gesagt: „Ach was, ich liebe meine Frau, keine Staaten.“

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NARRATIVE.

Karfreitag ist, so höre ich, gestrichen, Ostern untersagt. Corona und Christus, das geht halt nicht. Anlass genug von Weihnachten zu reden. Dass das neugeborene Jesuskind der verheißene Messias sei, will das Neue Testament auch durch drei Heiden belegen, die einem Stern gefolgt seien, der die Ankunft des Königs der Juden bezeuge. So übersetzt Luther. Mit der Legendenbildung geht es noch nicht im Matthäus-Evangelium, sondern erst im 6. und dann im 12. Jahrhundert nach Christi Geburt so richtig los. Die HEILIGEN DREI KÖNIGE waren dann nämlich angeblich der Grund, den Kölner Dom zu bauen, genauer gesagt, ihre Reliquien. Die hatte der kriegswütige Friedrich Barbarossa zuvor bei der Zerstörung Mailands entwendet, zu seiner Kriegsbeute gemacht und dem neuen Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, zum Geschenk. BAUDOLINO erzählt, dass er die gut erhaltenen Leichname der Sternendeuter aus dem Morgenland aus der Mailänder Krypta klaubte, wie frisch verstorben seien ihre Antlitze gewesen, zwei von weißer Haut und einer ebenholzfarben. Da im Neuen Testament nur Matthäus die Magiere überhaupt erwähnt habe und dann noch Anzahl (drei oder zwölf ?) wie die Namen vergessen, habe er sie kurzerhand Caspar, Melchior und Balthasar genannt. Damit nicht genug: Er habe die Leichen zudem umziehen müssen, weil ihre Kleidung nicht authentisch gewesen sei; er beschwert sich über orientalisch anmutende Pumphosen der Herren und alberne Kopfbedeckungen. Man habe mit viel Mühe im brennenden Mailand bischöfliche Kleidung für die drei zusammensuchen müssen. Wenn der neue Erzbischof von Köln sie zu seiner Weihe mit in die Stadt am Rhein nähme, dürften sie nicht aussehen wie irgendwelche dahergelaufenen Magiere, selbst wenn der Schrein ja nicht offen stünde. Die Debatte um das AUTHENTISCHE ist bis heute nicht abgerissen. Man stößt sich nun an Balthasar; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wesentlich erscheint mir, dass das AUTHENTISCHE eine Frage der Erwartungshaltung ist. Als authentisch gilt, was die Erwartung von dem Wesen einer Sache besonders gut erfüllt. Diese Vorurteile, Ressentiments, legen fest, was als echt gilt und was als gefälscht. Das Authentische ist eine Inszenierung, die sich selbst als Inszenierung leugnet. Ohne geeignete Inszenierung ist das Authentische halt weniger authentisch. Oder, wie BAUDOLINO sagt: „Nicht die Reliquie macht den Glauben, sondern der Glauben die Reliquie.“