Logbuch

KEIN KÄFER.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum.

Ich habe in Oxbridge über Franz Kafka zu sprechen, auf Englisch. Verzweifelt um eine gute Übersetzung bemüht, lese ich von einem „gigantic insect“. Das trifft leider so gar nicht, was „Ungeziefer“ meint. Auch die geschwätzige Übertragung als „some sort of monstrous insect“ trifft es nicht. Eher schon „monstrous cockroach“ oder „monstrous vermin“. Die fabelhafte Deborah Eisenberg zählt all diese Versuche verschiedener Übersetzer auf, bleibt aber auch unzufrieden.

Beginnen wir mit dem Attribut; es bezeichnet die ungeheuerliche Größe des Wesens, ein Ausmaß, vormals in Menschengestalt wie zugleich den Ursprung im Sagenhaften, der mythischen Welt. Ein Ungeheuer. Dann schlägt im Nomen die volle Brutalität der Kultur zu; das Wesen gilt es zu vernichten: schlimmer als Unkraut gilt das Ungeziefer als Bedrohung, dessen Duldung Unheil aufkommen lässt. Und das wie ein monströses Balg mitten in die Idylle der Familie. Es geht hier nicht um einen Käfer. Bei Kafka fällt niemals das Wort Käfer. Ich werde auf keinen Fall von „beetle“ reden.

Dass Kafka entgegen landläufiger Auffassung ein Mensch tiefen Humors war, zeigt die Beschreibung des aus der Metamorphose hervorgegangen Wesens, seine zu dünnen Beinchen im Widerspruch zum gepanzerten Körper, der aus dem Bett zu rutschen droht. Welche eine groteske Skurrilität aus der Feder eines Juristen im Versicherungswesen. Was zum Teufel ist im Englischen ein Beinchen? Das Ungeziefer kann für meine Begriffe jedenfalls nur als „enormous pest“ übersetzt werden; vielleicht als „monstrous pest“. Nur so bleibt ja auch die Reaktion der Untermieter verständlich, die im Angesicht des Ungeziefers sofort kündigen, für das englische Ohr verständlich.

Man kann Zeilen nur übertragen, wenn man zwischen ihnen lesen kann. Und man muss sich Kafka als glücklichen Menschen vorstellen. Er zeigt, was Entfremdung („alienation“) als tragisches Glück bedeutet. Erzähl ich so den Tommies.

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CHARAKTERLEHRE.

Drei Lesefrüchte aus den Feuilletons. Shakespeare war Charakterologe. Er legte seine Stücke auf eine möglichst spektakuläre Darstellung von Charakteren an. Falstaff war so einer, der fette, harttrinkende und raufsüchtige Soldat. Da ein Publikumserfolg, schrieb er ihn gleich in mehrere Stücke rein. Er machte Kasse, der Falstaff. So ist das Werk des Elisabethaners vor allem ein Kabinett kruder Charaktere.

Der französische Romanschriftsteller Balzac hatte den Ehrgeiz das ganze Paris des frühen 19. Jahrhunderts in seiner „Menschlichen Komödie“ als Schau von Charakteren zu erfassen. Vor seinen Schulden fliehend, schrieb er sich nächtens die Finger wund und brachte es auf mehr als zweitausend verschiedene Charaktere. Man hat ihm vorgeworfen, Menge zu machen, weil er Kasse machen musste (siehe oben); niemand aber bestritt seine Beobachtungsgabe.

Für beide den Engländer wie den Franzosen gilt, dass sie wohl SKRIBENTEN waren; die Kunst ging nach dem Brot. Ihr deutscher Kollege E.T.A. Hoffmann nannte jene „Vielschreiberei“ wenig schmeichelhaft eine „Dichter Diarrhoe“. Dessen Erfolg wirkte, obwohl ein dunkler Geist der deutschen Romantik, bis an die Seine. „Les contes d’Hoffmann“ wurde Opernstoff; man empfand selbst in der Operette Schauer vor seinen tiefen und mysteriösen Charakteren.

Das Bühnenfach ist da heller und pragmatischer. Man kennt die „lustige Alte“ oder den „jugendlichen Liebhaber“. Und den „betrogenen Betrüger“. So wie auf der zeitgenössischen Bühne der Haupt- und Staatsakte. Es gibt in der Politik den Giftzwerg und den Lackaffen, den Dampfplauderer und den Schnösel sowie zwei Hexen. Charaktere genug, wenn auch wenig Charakter.

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A LONGTONGUED BABBLING GOSSIP.

Das ist eine Schmähung von Shakespeare aus Titus Andronicus, 4. Akt, 2. Szene. Meint ein Gelaber. Es geht um jemanden, der seiner Gattin den eigenen Hund serviert.

Lese eine historische Abhandlung über Octavian, jenen römischen Prinzipial, der den Ehrentitel AUGUSTUS annahm. Dabei wird oft auf die dürftige Quellenlage hingewiesen. Nichts genaues weiß man nicht. So wird nach einiger Zeit der Nachruhm zur Geschichte, also das Urteil von Neidern, Idioten oder Verbrechern. Selten das der Verehrer, nie Ausgewogenes. Ach, lieber vergessen als verkannt.

Mir hat der große Ulrich Suerbaum mal erzählt, dass große Teile dessen, was wir über die römische Antike wissen, dem Elisabethaner William Shakespeare zu verdanken seien, einem skrupellos plagiierenden Bühnendichter mit merkantilen Interessen. So habe der ermordete Julius Cäsar erst Mitte des 16. Jahrhunderts „Auch Du, Brutus!“ gerufen, nicht schon anderthalb Jahrhunderte zuvor. Suerbaum war der erste Ordinarius der neugegründeten Ruhr Universität Bochum und Kopf der Shakespeare-Gesellschaft; er konnte Stunden über das Testament des Dichters reden, weil zumindest das sicher von dessen Hand.

Mich hat erschüttert, dass dieser englische Titan nur fünfzig Jahre alt geworden ist und es ganze Jahrzehnte in seinem Leben gab, von denen man nichts weiß, die sogenannten verlorenen Jahre. Das kann Angela Merkel nicht passieren, deren uninspiriertes Geschreibsel die Regale füllt. Ihr Versuch der eigenen APOTHEOSE ist misslungen. Das Land leidet noch immer unter der routinierten Vernachlässigung aus ihrem Regnum.

Suerbaum übrigens war ein ganz typischer Prof meiner Universität, ein bescheidener und unauffälliger Mann großen Wissens und ohne jede Prahlsucht; das ist ja nicht allen Geschöpfen meiner Alma Mater gegeben. Ich blättere regelmäßig in dem Handbuch „The little book of Shakespeare‘s insults / The bard‘s best barbs“, eine umfängliche Sammlung wortreicher Beleidigungen. Allzeit bereit.

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SCHWARZ-GRÜN.

Zu den Vorurteilen, mit denen ich groß geworden bin, gehört jenes, nach dem der hässliche Deutsche Ösi ist. Das war natürlich nicht gerecht, aber es amüsierte mich und reagierte auf einen Schrecken. Ich hörte im Wiener Kaffeehaus Sprüche zu jener Melange aus Rechtem, Reaktionären und Judenfeindlichkeit, die mich prinzipiell schrecken. Dass sich diese Herrschaften „freiheitlich“ nennen, kann mich nicht täuschen; sie sind nichts weniger als das.

Das Liberale hat nun wahrlich keine Heimat im schwarzbraunen Milieu, das sich blau nennt. Das Liberale als Refugium des Individuums ist ohnehin eher selten geworden. Stattdessen gewöhnen wir uns europaweit, wenn nicht im gesamten Westen, an ein gutes Drittel für die Damen Le Pen, Meloni und Weigel. Bei den Ösis sind die blauen Reaktionäre neuerdings stärkste Fraktion der Nation.

Gleichzeitig haben sich die Sozialdemokraten und die Freidemokraten in meinem Vaterland marginalisiert; beides nur noch Episoden, die ihren angestammten Wählern nichts mehr sagen. Auf dem Land schließt das die Grünen ein. Was mal als Horte sozialliberaler Werte galt, ist jedes für sich eine leere Hülle. Fast die Hälfte der Wähler votierte früher mal hier, wenn nicht eine klare Mehrheit, wo heute zwischen 1 und 15% oszilliert wird. Wenn es das Liberale noch im Sinne der alten Euphorie gibt, hier wohnt es nicht mehr in der Beletage.

In das Haus der Demokratie ziehen neue Mieter. Ich wage einen Gedanken. Wenn die Grünen den Schwarzen das Reaktionäre abgewöhnen könnten und die Schwarzen den Grünen das Totalitäre, wäre dann mit Schwarzgrün eine halbwegs liberale Republik möglich? Dass jemand meiner biographischen Zurichtung eine solche Frage überhaupt wagt, ist schon überraschend; jedenfalls für mich selbst.

Und ich will einräumen, dass es ein Killerargument gibt, mindestens eines. Dies soll schon ein Plan von Merkel und Trittin gewesen sein. Dazu merke ich an, dass die Merkelsche Permissivität im Eregnis reaktionär war und der Trittin immer totalitär. Kann gelingen, was Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein politisch in ihren schwarzgrünen Kabinetten erproben? Bayern sagt nein. Alle Fragen also offen.