Logbuch
JARGON.
Der legendäre Dichter und Komponist Bob Dylan nannte sich einen „song and dance man“. Schlicht und klar, natürlich untertreibend, die Bescheidenheit der Könige. Der Jahrhundertdichter Bertolt Brecht bezeichnete seine antiaristotelischen Dramen als „Stücke“ und trug als Berufsbezeichnung: „Stückeschreiber“. So nannte er sich: „der Stückeschreiber“. Schlichter geht nicht.
Die Sängerin Edith Piaf, deren Nachname im Französischen der umgangssprachlichen Wendung für einen Vogel entsprach, kam mit dem „Spatz von Paris“ zurecht; einem Ausdruck der Bewunderung. Im Englischen spricht man von „understatement“, wenn sich jemand nicht plustert und bläht.
Im „Manager Magazin“ finde ich einen Menschen aus dem Mittelbau einer Bank, der sich so vorstellt: „Chief Group Compliance Officer und Leiter Governance, Risk & Compliance“. Aha. Warum zwei, drei deutsche Wörter unter sieben englischen? Über eine Kolumnistin heißt es dort: „Senior Advisor. Sie interessiert sich für Leadership, Bildung und vor allem Menschen.“ Eine Seniorenberaterin? Die sich mehr für Menschen als für Bildung interessiert? Und was ist das, Leadership?
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STAATSOBERHAUPT.
Einen König oder Kaiser haben wir Deutsche nicht mehr. Der Bundespräsident ist das STAATSOBERHAUPT. Das will Frank Walter Steinmeier noch eine weitere Amtszeit bleiben. Ich kenne den Mann. Er ist sehr erfahren in der Politik. Er kommt aus der Landespolitik und war in Berlin alles, Fraktionschef, Leiter BK, Architekt der Agenda, Minister des Äußersten, ein alter Hase. Er hat Erfahrung, einen weiten Horizont und vermutlich auch Charakter.
Er wolle die Verlängerung „nicht aus Bequemlichkeit“, sagt er. Ach, er ist ein so dramatisch schlechter REDNER. Aus einem Sterne-Menü edelster Speisen, das ihm seine Beamten bereiten, weiß er am Pult einen bräsigen Brei zu machen. Er ist rhetorisch MISTER MILUPA. Was er löffelweise verfüttert, das schmeckt wie Schinkennudeln aus dem Gläschen. SPOONFEEDING. Krankenhauskost. Kinderbrei. Als habe es schon mal jemand gehabt.
Noch schlimmer sein EVENT MANAGEMENT. Kerze ins Fenster. Stuhlkreis. Wenn er wirklich eine Idee gehabt haben sollte mit einer Veranstaltung, so verquast er das stets zu einem linkischen Behördenakt. Es ist zum FREMDSCHÄMEN. Ach, wenn ich da im Guten nach Paris schaue oder im Bösen nach London...
Frank Walter ist ein König ohne Krone. Er hat kein CHARISMA. Er passt zu uns. Er gilt als integer. Es ist paradox.
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KLEINKUNST.
Ich habe gestern für acht Meter Hausfront 7 Blumenkästen mit 35 Geranien bepflanzt. Brauchte 120 Liter Blumenerde. Zum Schluss lese ich die Aufschrift auf den Plastiktöpfchen der Stehgeranien. Es sind einjährige.
Also nach diesem Sommer alles vorbei. Nix mit Luthers Bäumchen pflanzen für die Ewigkeit. Nix mit Herrn von Ribbeck zu Ribbeck im Hafelland. Und dann steht da gemäß EU-Verordnung noch: „Nicht zum Verzehr geeignet.“ Es seien Blühgewächse. Aha. Ich meine, wer isst Geranien?
Letzter Versuch der Rechtfertigung: Blüher nützen Bienen. Und umgekehrt. Aber ich verwerfe den aufgesetzten Gedanken an den Bienenhonig. Die ganze Mühe war, sind wir ehrlich, nur wegen der Optik. Blumenschmuck ist Kleinkunst. Vorgartenidylle. Kleinbürgerhobby. Eigentlich spießig.
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MAL EBEN ZUM ITALIENER.
Entdeckt habe ich meinen Italiener in Charlottenburg, weil Schröder den Tisch vom Dicken (Kohl) wollte. Westerwelle hat hier oben drüber gewohnt und Pofalla; Steinmeier (der Bu-Präsi) kommt heute noch. Tintenkleckse Publizisten (wie der Autor) und Nachbarn mit Hund; gelegentlich der legendäre Hans-Hermann Tiedje. Ich mag die italienisch deutsche Inhaberfamilie; der verstorbenen Mama mein Gruß.
Die Küche ist gediegen bis raffiniert. Fast hätte ich Penne mit Dicken Bohnen und Speck genommen oder die Spaghetti, sorry, puttanesca. Kalbsnieren immer zu empfehlen. Es geht aber auch veganer. Als Vorspeise heute ein Selleriecarpaccio, hauchdünn geschnitten, mit schwarzen Trüffeln und feinem Öl. Ein Klassiker des Hauses, haben wir schon bei seinem Vater gern genommen, dessen schlechte Laune eine Attraktion war.
Dann der Fisch; wir hatten ihn zuvor am Stück am Tisch bewundert. Angelfang vom Feinsten, frisch vom Großmarkt in Moabit. Fabrizio hatte ihn mit den Worten an den Tisch gebracht: „Ich hab da was für Euch!“ Ein kräftiger Räuber der Meere. Ging im Salzmantel in den Ofen, jetzt am Tisch fachmännisch zerlegt. Vom allerfeinsten, ein duftendes, sehr zartes Fleisch. Riesige Portion. Als Gemüse dazu, man staune, Pfifferlinge.
Der markige Schauspieler mit der notorischen Weinschorle geht eine rauchen. Der Schweizer Publizist trifft ein, farbenfroh gekleidet, finde ich, der ich keine rosa Pullover trage. Stammgäste erörtern die Kunst an der Wand, wohl Restbestände der Galerie nebenan; Skandal pressebekannt. Wir trinken einen Vermentino, den ich allerdings überbewertet finde. Prosecco, Wasser, Grappa auf‘s Haus.
Als Dessert die beste Cassata der Welt, schwimmend im Schnäpschen. Viel Stammgäste, eine Gruppe zufälliger Asiaten wird unauffällig versteckt. Keine Glatze pro Nase, den großartigen Fisch, zwei spektakuläre Portionen, insgesamt für 55€; da kannste nicht meckern. Toller Laden. Verglichen mit dem kürzlichen Besuch im aufgeplusterten Adlon hoch zufrieden. Schlichter, aber zweites Wohnzimmer. Adresse bleibt geheim.