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VON DER KUNST DER BELEIDIGUNG.

Der amtierende US-Präsident verspottet in der Ahnengalerie des Weißen Hauses seine Vorgänger unter Verwendung übler Propaganda; das amüsiert seine Gefolgschaft und empört die, die vorgeführt. Einer meiner alten Freunde, dessen Herz leicht entflammbar, findet nun, das sei eine Schande für die USA. Wut & Zorn über Trump. Der pöble. Gemach.

Es wäre verfehlt, die ansonsten üblichen Porträts, alle mehr oder weniger schmeichelnder Natur, als Ausdruck der Wirklichkeit zu sehen; natürlich beschönigen sie vorsätzlich. Mehr noch, solche Herrscherbilder sollen den Menschen nicht nur persönlich vorteilhaft zeigen (Schokoladenseite), sondern auch seinen Nimbus ausdrücken, den Potentaten als Narrativ in die Geschichte einschreiben. Nichts ist typischer PR als ein geneigtes Herrscherporträt. Also hantierte man hier nicht bigott mit der Wahrheitsfrage. Dies ist lediglich ein Stilbruch, ein absichtsvoller.

Wenn ich das richtig weiß, dürfen sich die Amtsvorgänger üblicherweise den Künstler aussuchen, der sie malen oder fotografieren soll. Ich könnte nun eine Szene aus Lessings Drama EMILIA GALOTTI zitieren, in der der Fürst eine Dame porträtieren lässt und was zur Herzensbildung sagt; das wäre aber zu bildungsbürgerlich. Und würde deshalb dem Politikstil der Neuen Rechten nicht gerecht. Donald Trump hat seine Karriere als „outsider“ gemacht; er inszeniert sich als das sprichwörtliche Schwein auf dem Sofa, um Joe Six-Pack in seinem Caravan-Home zu begeistern. Er will nicht Elite sein, sondern arrivierter Proll. Da nennt man eine Journalistin schon mal „piggy“, Schweinchen, und droht Hillary, der Tusse von Bill, mit dem Knast.

Man kann nicht das Wirken der Demokraten im Weißen Haus, sagen wir unter Jacky Kennedy oder Michelle Obama, für authentisch halten und den Pfälzer Pimp im Unterschied dazu für inszeniert. Trump würde diesen schlechten Geschmack auch dann zeigen wollen, wenn er einen besseren hätte. Er hat keinen wesentlich besseren, zumal der ihm auch nur im Weg stünde. Pejoration ist das Prinzip. Got it, stupid? Die hohe Kunst des Pöbelns zur Unterhaltung des Pöbels.

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NACHKRIEGSZEIT VORBEI.

Wenn Kinder eine Sprache lernen, staunen sie oft über bildhafte Ausdrücke der Erwachsenen, die ihnen ein Rätsel bleiben. So habe ich nie verstanden, warum ausländische Soldaten in ihren Kasernen nicht sitzen oder stehen, sondern liegen. Ich hörte, dass in Lohhausen die Engländer liegen, in Köln oder Braunschweig die Belgier und am Berliner Flughafen die Franzosen. Meist im Singular und mit bestimmtem Artikel. So zum Düsseldorfer Flughafen: „Da liegt der Tommy!“ Sprache der Nachkriegsordnung.

In der Pfalz lag gar der Ammi und zwar mit Atomraketen; man erfreute sich an Einquartierungen und verdiente eine kleine Mark dazu. Eine Wuzz im Stall und nen Ammi unter’m Dach, so ging kleiner Wohlstand in der Provinz. Im Westerwald berichtet der Taxifahrer heute noch von schwarzen Wachsoldaten in den Dörfern neben den verborgenen Silos im Wald, die ihm gänzlich fremd schienen, aber nett, insbesondere zu Kindern. Es gab gratis Schokolade und Kaugummi. Die Nachkriegszeit ist vorbei.

Jetzt sagt der deutsche Kanzler, dass wir uns als Europäische Kleinstaaten nicht von Großmächten rumschupsen lassen. Im Plural. Ein mutiger Satz. Aber es liegen ja auch keine Russen mehr im Osten Deutschlands und keine Westalliierten hierzulande; fast keine. Die Tektonik habe sich verändert, sagt Merz. Wohl wahr. Russland hat sich bei der deutschen Wiedervereinigung sehr großzügig gezeigt; das ist historisch nicht zu leugnen. In der NATO wird Schutzgewährung neuerdings nicht mehr in Spendierhosen verabreicht. Gratis war gestern. Ich erinnere mich an eine Bar in einem Kaff in Texas, wo über dem Tresen ein Spruch hing, der auf die berühmte Formel auf den Dollarscheinen anspielte: „In God we trust, the rest pays cash.“

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LOYALITÄT.

Restlos begeisterte Gefolgsleute irritieren mich. Gestern mit einem eigentlich kreuznetten Grünen zusammengesessen, der noch immer nicht weniger vorhat, als die Welt zu retten. Er spricht von seiner Sache als Haltung und misst sich daraus Charakter zu. Er redet ehrfürchtig von dem Joschka und dem Robert. Seine Partei ist eine Menschheitsangelegenheit. Soviel moralisches Gefälle macht mich sprachlos.

In der Philosophie gilt nicht viel, wer zur Lobhudelei neigt; man wähnt sich lieber als kritischer Geist. Das ist bei den Soziologen nicht anders. Der Narzissmus in diesen Fächern besteht darin, dass man sich schlauer als das gemeine Leben weiß; jedenfalls an ihm zweifelt. Vielleicht ist das überhaupt die Grundeinstellung der Wissenschaft, an allem etwas zum Meckern zu haben. Akademiker sind deshalb meist miese Partner und lausige Liebhaber. Isso.

In der Kunst heißt der Betrachter höherer Ambition sogar so; man spricht von dem (!) Kritiker. Ein Beruf ist daraus geworden, der Kritiker, der zu Büchern rät oder Bilder bejubelt und beschimpft; sagt, was im Feuilleton was zu gelten habe. Man erinnert hier das Goethe-Wort, das mit einem regelrechten Fluch beginnt: „Der Tausendsakerment! Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ Mir ist am liebsten noch immer das kurze Gedicht um die erektile Dysfunktion: „Eines Tages werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen, sagen die Impotenten.“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Darf man die Mächtigen loben? Fanatische Anhänger tun das ja, ihren Führer in den Himmel heben. Oder religiöse Fanatiker, die selbst Terror zum Gottesdienst erklären. Aber ausgeruhte Geister? Kann man sich die als Jünger vorstellen, als Gefolgsleute, Vasallen und Söldner? Die kritische Geschichtsschreibung schüttelt sich vor Ekel zum Wirken der Söldnerheere; ein Gesindel. Nie hätte der Karthager Hannibal in Italien einfallen können, hätte er nicht eine gewaltige Fremdenlegion befehligt. Gehörte zu Recht vernichtet, dieses elende Karthago. Aber worauf will ich hinaus?

Dies ist ein Lob der gespaltenen Loyalität. Lob des Zweifelns. In der Seefahrt sagt man: „Eine Hand für das Schiff, eine für den Matrosen.“

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DIE ZWEI BEIDEN.

Heldenepos. Als die SPD noch zwischen Willy Brandt schwankte und Helmut Schmidt, da war klar, wer sie war. Sie war genau dazwischen. Als sie noch zwischen Gerhard Schröder schwankte und Oskar Lafontaine, wusste man, worum es ging. Bis der Fahnenflucht beging. Dieses Schwanken gehört zu ihren Erbanlagen; ich sage nur Karl Kautsky vs. Eduard Bernstein, Karl Liebknecht vs. Philipp Scheidemann, Carlo Schmid vs. Kurt Schumacher, SPD vs. USPD. Aus diesem Stoff sind Heldensagen. Wie komme ich drauf? Ich lese etwas zur afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Die schwankte zwischen Martin Luther King jr. und Malcom X. Der eine die Bibel unter dem Arm, der andere zeitweise sunnitischer Moslem, eher eine Maschinenpistole handhabend. Die Historische Forschung sieht die beiden mittlerweile nicht mehr als „Dichotomie“, sondern eher als unterschiedliche Enden eines Spektrums. Martin & Malcolm hatten Schnittmengen, haben aber einen Teufel getan, dies zu zeigen. Man bekämpft sich nach außen, aber im Herzen auf gemeinsamen Terrain. Gemeinsames etwa in den Zusammenhang von „black dignity“ und „black citizenship.“ Die Debatte um den Vietnamkrieg habe King radikalisiert und die Schnittmenge gemeinsamer Überzeugung vergrößert. Daran mangelt es im Moment, an einer solchen epochalen Frage, die die Geister nicht scheidet, sondern zusammenbringt. Dabei hätte Corona das doch sein können. Aber wo sind die großen Geister? Gähnen ist die Geste der Stunde. Müde Bräsigkeit im Kanzleramt wie in Bellevue, Laienschauspieler um den Parteivorsitz bei der Union, linkische Grinsemänner bei Roten wie Grünen, eine marginalisierte Linke wie Rechte und die Liberalen ein Pausenzeichen … Wir erleben die VERLANGWEILIGUNG DER POLITIK. Das ist sträflich. Ich will Helden kämpfen sehen. Blood on the carpet!