Logbuch
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.
Spräche mich ein bankrotter Komponist auf der Flucht vor seinen Gläubigern an, ob mir an einer Auftragsarbeit läge, etwa der Fassung meiner Lebensgeschichte als Oper, so würde ich die günstige Gelegenheit nutzen und mein Schicksal als die Tragik des fliegenden Holländers auf die Bühne bringen. Dessen Fluch liegt ja seit Alters her darin, dass er durch alle Stürme zu gehen hat, aber niemals einen ruhigen Hafen findet. Als Geisterschiff erscheint er den braven Fahrensleuten, die das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln haben, um die Verlockungen Indiens zu erreichen. Mag es Vasco da Gama gelungen sein, Afrika zu umschiffen, ihm ist es auf ewig ebenso verwehrt wie den Seuchenschiffen, die Venedigs Doge verbannt. Auf ewig hat er den Stürmen zu trotzen.
Mein Leben als Wagner Oper. Darüber ließe sich ja reden, aber wer will schon als Holländer enden? Nun, da hilft die Aufklärung eines früher unter Seeleuten gängigen Übersetzungsfehlers. THE FLYING DUTCHMAN war unter Seefahrern ein Deutscher. So wie „dutch courage“ bis heute im Englischen jener Mut ist, dem reichlich Bierkonsum vorausging. Wagner will das Stück zudem nach Norwegen verlegen, was mir recht wäre. Lieber ein Vikinger als ein Moff. Oder gar ein windiger Portugiese wie dieser Vasco da Gama (siehe Roger Crowley, Conquers, How Portugal Dorfes the first global empire, Faber&Faber).
Die Norweger sind zwar nicht in der EU, aber wahre Europäer. Ferner mit Öl & Gas gesegnet. Sie haben sich ferner gerade unter den Atomschirm Frankreichs gestellt. Das alles scheint mir schlau für einen Anrainer Russlands. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wagner hat seine Idee vom fliegenden Deutschmann von Heinrich Heine, der die alte Seefahrersage mit der schwachsinnigen Idee verknüpft hat, dass der Fluch über den Heimatlosen sich erst auflöse, wenn er die Zuneigung einer stets treuen Frau gefunden habe. Das wiederum ist typisch für den sentimentalen Düsseldorfer Heine; er selbst ein notorischer Rumtreiber, den sehr früh zu Paris die Syphilis dahinraffte. Frauen sind nicht selten treu, sie haben es erfunden.
Kann ich, nachdem ich das freiwillig eingeräumt habe, mit der Aufhebung des Fluches rechnen?
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POLITISCH LIED - GARSTIG LIED.
Heute nur Langweiliges. Beiläufige Erlebnisse aus der Welt der Systemparteien. Bitte um Nachsicht.
Ganz tief in der Provinz Brandenburgs treffe ich auf den Schwager. Och, denke ich, der Schwager, schau mal einer an. Er setzt sich an die Spitze einer Bürgerinitiative zur Erhaltung von unbewachten Badestegen. Das verbietet das Bürgerliche Gesetzbuch, aber Michael Kellner hat es geschafft, dafür den RBB zu interessieren. Kellner ist der Schwager von Patrick Graichen, dem Zuschläger von Robert Habeck, der sich bei Besetzungen nicht mehr an seinen Trauzeugen erinnerte. Hier macht er das, was so ein Volksdeputierter in seinem Wahlkreis macht; ich vermute das nur und sehe es aber trotzdem mit Respekt.
Mittags noch habe ich an einem Info-Stand vor der Heiland-Kirche zu Moabit den Deutsch-Italiener Federico Quadrelli kennengelernt, der für die SPD in Moabit und dem Belgischen Viertel vom Wedding kandidiert. Straßenwahlkampf. Ein kreuznetter Soziologe der jüngsten Generation, der sich in die Pflicht nehmen lässt für einen Verein, dem es im Moment nicht an der Wiege gesungen wird. Ich hoffe, er hat eine Chance in der Partei des Herrn aus Palästina und sehe sein Engagement mit Respekt. Ciao bello ciao!
Abends dann im TV die Wahl von Wolfgang Kubicki aus Braunschweig zum FDP-Vorsitzenden mit einer Side-Show der Dame, die man laut jüngerer Rechtsprechung straffrei als Flintenweib empfinden kann. Ich habe dem gelegentlich schon mal windigen Advokaten Kubicki erst vor zwei Wochen persönlich per Handschlag meinen Respekt mitgeteilt, dafür dass er noch mal ins Geschirr geht.
Zu den CDU-Granden Friedrich Merz und Henne Wüst, der die Haare schön hat, habe ich hier schon was gesagt. Grüne, Sozen, Liberale, Konservative… Was soll dieser Zirkus mit abgeschmackter Politik der Altparteien? Wieso ausgerechnet dazu Respektsbezeugungen? Weil all das besser ist als das rechte Regime, dem ein Viertel meines Vaterlandes neue Politik zutraut, das aber im Kern nur Volksgemeinschaft kann und nur Volksgemeinschaft will.
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SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND.
Schuppe tritt ab. Das ist unter Journalisten des Berliner Milieus eine Nachricht. Der Chefkommentator eines etwas angegriffenen Boulevardblattes namens BZ hat über gut zwanzig Jahre jeden Tag eine Kolumne abgeliefert, insgesamt fast fünftausend Mal unter dem Rubrum „Mein Ärger“ seiner Hassliebe Ausdruck verliehen. Bürgerlicher Name von Schuppe: Gunnar Schupelius. Ein Springer Gewächs mit grünen Wurzeln, inzwischen wohl eher ein FDP-Mann, aber durch und durch Boulevard. Das ist, wenn ich es sage, ein Lob.
Eigentlich spricht man als Kolumnist nicht über Kollegen; zumal, wenn diese professionell machen, was doch für den Kritiker selbst nur Hobby. Mein Logbuch verzeichnet zudem nur knapp die Hälfte des Oeuvres von Schuppe, gut zweitausend Glossen. Wer jeden Tag zur Feder greift, der weiß nur zu gut, dass dies einer gewissen Disziplin bedarf. Wem dazu noch Glossen aufgegeben sind, muss um satirische Ein- und Ausfälle kämpfen; das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Aber das ist, wie Martial sagt, eine andere Geschichte.
Zur ehernen Regel des Kolumnisten gehört, dass er niemals seine Kollegen liest. Ich könnte noch ertragen, was die alte Tante SZ aus dem „Streiflicht“ auf der Eins gemacht hat. Ich könnte noch mitleiden, wie sich Martenstein durch die BILD schleppt. Ja, und Hank in der Frankfurter Sonntagszeitung ist oft schlau. Aber was der Bötchen-Publizist Gabor Steingart an eitlem Auswurf produziert zwischen genial, gefällig und Gosse, das ist mir schon als Ambition zu peinlich. Ich lese das ganze Zeug nicht.
Der Niedergang der Publizistik beginnt ohnehin damit, dass die Edelfedern nicht mehr für ein Publikum schreiben, sondern das Urteil ihrer Kollegen. Journalisten sind auf das Ekelhafteste selbstbezüglich. Sie reden ausschließlich über sich selbst; die Welt da draußen ist ihnen nur Vorwand zur Selbstbespiegelung. Ihr Motto lautet: „De te fabula narratur!“ Die Geschichte wird über Dich erzählt. Daraus wird: Jede Geschichte bist Du. Du bist die Geschichte. Spieglein, Spieglein an der Wand / Wer ist die schönste im ganzen Land?
Dieses schroffe Urteil gilt freilich nur für die anderen; man selbst ist immer braver Chronist und gelegentlich dann doch Stimme des Weltgeistes.
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ENTMENSCHLICHUNG.
Der amerikanische Präsidentschaftskandidat D. Trump bedenkt Einwanderer aus Haiti mit der Geschichte, sie verzehrten die Haustiere der ansässigen Bevölkerung, deren Hunde und Katzen. Das ist eine rassistische Verleumdung mit dem Ziel der kulturellen Degradierung. Seine Konkurrentin, eine indisch-amerikanisch stämmige Frau, ist dabei mitgemeint. Wir sind im Bodensatz von Propaganda.
Und so fremd ist uns diese Fremdenfeindlichkeit nicht, die wir Witze darüber machen, woher das Fleisch im Buffet des Chinarestaurants stamme, „all-you-can-eat“ für 13,90€. Hab ich gestern gemacht. Mit einem Warsteiner 18,10€. Angebot reichlich, Qualität Kantinenstandard, nicht schlechter; Service nett. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Das Beispiel Springfield ist böser.
Das ist der Ort im Mittleren Westen mit der massiven Zuwanderung von Haitianischen Migranten. Der Volksverhetzer macht nicht nur den Katzenfreunden am Ort Angst; er entwürdigt als rassisch überlegener Weißer die Fremden anderer Hautfarbe zu Tieren. Das mag als Urteil zu harsch klingen, aber man muss den Andeutungen der Propaganda immer mit den Ohren ihrer Anhänger folgen. Hier wird nicht Klartext gesprochen, sondern angedeutet. Insinuation ist die Methode, immer und überall.
Eine rechtsextreme Unterstützerin des D. Trump twittert in dessen Hundefutter-Mythos rein: Diese Migranten verzehren nicht nur Hunde und Katzen, sondern auch Menschen. Da ist er, der Vorwurf des Kannibalismus, den wir ja historisch kennen. Er gehörte zu den Trivialmythen des Antisemitismus. Ich sehe, was da wieder hoffähig wird, und kämpfe mit meinem Brechreiz.
Gefallen tut mir die Reaktion der K. Harris, der farbigen Frau: sie verlacht den bösen Schwätzer. Das Netz folgt mit Hohn und Spott. Es ist ein befreiendes Lachen über eine furchtbare Entgleisung. Die Chance, dass diese Mentalität künftig wieder unseren Hegemon führt, steckt als Furcht fundamentalen Ausmaßes in den Knochen. Aber mein Vaterland ist nicht besser: Die Trumps sagen, was die Höckes denken.
In Springfield soll es auf eine Einwohnerzahl von 60.000 eine Zuwanderung von 20.000 gegeben haben; ich bezweifle die Zahlen, leugne aber nicht das Problem. Das ist das eine. Das andere ist: Ich grüße meine Berufskollegin Karine Jean-Pierre, die Pressesprecherin des Weißen Hauses, eine in gleichgeschlechtlicher Ehe lebende Schwarze mit haitianischem Wurzeln. Sie war nämlich mitgemeint, als der pfälzische Zuhältersohn D. Trump seine rassistische Überlegenheit gegenüber Haitianern zu demonstrieren suchte.