Logbuch

PRAHLHANS.

Überlieferung entsteht durch Wiederholung. Sie ist ein Kulturprinzip. Eine heimliche Wirkkraft. Insbesondere über sich selbst, da kann man gar nicht oft genug reden.

Man erfahre oft Dinge, die man schon kenne. Höre ich als Urteil über einen plaudernden Gastgeber. Ja, das kann sein. Der alte weiße Mann lebt von Episoden, deren Vorrat begrenzt ist. Es gibt den Modus „Opa erzählt vom Krieg“ halt auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Das Witze erzählen wollen, es wird für den unfreiwilligen Zuhörer zur Qual, wenn die Überraschung durch eine gute Pointe, die uns herzlich lachen lässt, gänzlich fehlt; gar der schlechte Witz bekannt ist, weil allzu oft gehört. Es lacht dann nur der Erzähler, sein Publikum lächelt pflichtschuldig, aber gequält.

Wie man auf Empfängen jene Gäste meidet, die immer denselben Koi von sich geben. Meist noch mit schlechtem Atem. In ungelüfteter Kleidung minderen Geschmacks. Rasierwasser. Frische Geister mit Esprit sucht man eigentlich und trifft doch nur auf Langweiler mit Krankengeschichte.

Ein gewisser Hang zum Repetitiven, ab und zu sogar Redundantem, das kennzeichne das Werk, lese ich als literarische Wertung zu einem großen Schinken über den dramatisch überschätzen Thomas Mann. Der ist für mich der Prototyp des Prätentiösen, einschließlich seiner Entourage.

Der notorisch gemiedene Gast hat nur eine Chance seiner Eitelkeit ungebrochen zu frönen, er muss selbst Gastgeber werden. Das war früher in den großen Städten den Literarischen Salons vorbehalten. Dank der Sozialen Medien des Internets kann das heute jeder.

Prahlhans wird Prototyp. Weltherrschaft des Prätentiösen. Die Banalität des Bösen zeigt sich in Auto-Ästimation, dem Eigenlob. Unverhohlen hohl.

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CHARISMA.

Seine Majestät Charles III ist schätzenswert, vor allem wenn man bedenkt, was der Mann so privat um die Ohren hatte. Aber ein CHARISMA, das leuchtet hier nicht. Nicht mal im Vergleich zu dem profanen Frank-Walter.

Die Kunsthistoriker belegen ein Selbstbildnis des Albrecht Dürer von 1500 mit einem eigenen Begriff, den ich noch nie gehört hatte. Das Eigenporträt sei „christomorph“. Meint: in der Gestalt Christi. Ich halte das für fehlleitend. Denn der Witz liegt im Gegenteil dessen.

Der Nürnberger Künstler malt Jesus Christus und gibt dem Nazarener seinen Gesichtsausdruck, den Dürerschen. Jesus wird düromorph. Wir sehen ein Werk monströser Eitelkeit. Hier wird Gottesähnlichkeit ganz vordergründig auf den Punkt gebracht. Man kann mit großem Recht fragen, ob das nicht blasphemisch ist.

Nun mag es der fränkische Narzisst vielleicht als seine Ergebenheit an den Gottessohn gesehen haben. Es gibt da Zeugnisse seiner christlichen Bestimmung. Aber auch unter der Annahme der Frömmigkeit bleibt ein Rest echter Frechheit. Dürer klaut Charisma.

Mir fällt das Mysterium hinter CHARISMA auf, als ich die TV-Bilder vom Staatsbesuch Charles III sehe. Politisch wichtig und richtig. Schöner Mantel, den er da trägt; geht mir durch den Kopf, wie mein blauer (Wo ist der eigentlich? Habe ich den irgendwo hängen lassen?). Seine Mutter hatte 1965 mehr Charisma, fand ich jedenfalls damals.

Meine Familie hat eine englische Ader und ich hatte damals als 13jähriger Schüler zum Besuch von E II R eine Postkarte an die britische Botschaft in Bonn geschrieben und eine volle Pressemappe mit Hochglanzfotos erhalten. Meine Begeisterung war groß; größer als sie heute ist. Nun muss ich heute auch einer Rede des amtierenden Herrn Bundespräsidenten lauschen, der ein so miserabler Redner ist.

Steinmeier ist uninspiriert. Dürer wollte sich inspiriert zeigen. Charisma ist das Durchscheinen von etwas sehr Großem im Kleinen. Das Anklingen des Allgemeinen im Besonderen.

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HITLER TAGEBÜCHER.

Über den STERN und seinen Ankauf der gefälschten Tagebücher Adolf Hitlers ist so viel geplappert worden, dass man keine Lust hat, das mit weiteren Anmerkungen noch zu adeln.

Jüngst entblödet sich das RESCHKE-TV sogar noch, darauf hinzuweisen, dass der Fälscher Kujau aus sumpfig braunem Kontext stammte. Ist das wahr? Ich kenne die Herren alle persönlich, die das im Hamburger Flaggschiff des Journalismus seinerzeit vergeigt haben; einer saß kürzlich noch in Charlottenburg im „Tavola Calda“, der Felix, inzwischen ein älterer Herr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Einer meiner langjährigen Freunde von Facebook macht mich gestern auf einen anderen Fall paradigmatischer Fälschung aufmerksam. Er ist dem Nordamerikanischen zugeneigt und erinnert an einen 50 Jahre alten Fall, der alles hatte. Möglich wurde er damals durch den Trivialmythos des HOWARD HUGHES, der als berühmter Milliardär den Rückzug aus der Öffentlichkeit probte und daran irre wurde. Wundert nicht.

Hier ist alles: ein großes industrielles Erbe, Fliegerei, Hollywood, Las Vegas, italienische und jüdische Mafia, Vitalismus, Watergate mit Nixon und ein Journalist namens CLIFFORD IRVING. Der verkaufte einem Verlag die AUTOBIOGRAFIE des Eremiten Howard Hughes samt gefälschter Briefe, und zwar auf der Basis von Interviews, die es nie gegeben hatte, aber spektakuläre Einzahlungen auf Schweizer Konten… Alles drin.

Das scheint mir hierzulande als AUSNAHME behandelt, so wie der Fall RELOTIUS beim SPIEGEL. Oder als amerikanischer Exotismus. Auch die Diss von Doll zu „Fälschung und Fake“ (gestern etwas harsch getadelt) kennt es nicht. Will das mal jemand nachholen?

Ernsthafte Anmerkung: Erst wenn man die intellektuelle Kraft hat, in der Ausnahme die REGEL zu sehen, kann das Systematische im Exemplarischen erkannt werden. Tjo, die Ausnahme und die Regel.

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VOLKES STIMME.

Was denken die Menschen wirklich? Eine gute Frage, weil damit soviel Schindluder getrieben wird. Daran hängt nämlich viel. Zum Beispiel die Macht. Oder Geld. Also das, was wirklich wichtig ist. Man bleibt, wenn man Volkes Wille verkennt, auf seinem Produkt sitzen oder in der Opposition. Das Volk ist da ein Lümmel.

Im Fernsehen machen sie eine Straßenbefragung, wenn wiedergegeben werden soll, was das Volk so denkt. Man nimmt solange Äußerungen von Passanten auf, bis jemand das sagt, was man hören will und damit senden kann. Nennt der Redakteur „Vox-pops“, abgeleitet vom Lateinischen „vox populi“ für Stimme des Volkes, sprich öffentliche Meinung. Der Bundesministerin für das Äußerste, Frau Baerbock, verdanken wir den Hinweis, dass die veröffentlichte Meinung wie die Ergebnisse der Meinungsforschung nicht immer das sein müssen, was die Menschen wirklich denken; dem will deshalb sie eine Stimme geben. Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.

Jetzt aber sagt eine ganz normale Frau aus der hessischen Provinz in die Kamera: Sie verstehe, den Wahlausgang in Thüringen. Ja, sie erwäge auch, die vermaledeite AfD zu wählen. Es folgt der Grund: „Ich bin nicht zufrieden.“ Der Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Er beweist eine alte Regel der Demoskopie: Regierungen werden nicht ins Amt gewählt, sondern aus dem Amt. Unzufriedenheit spornt an, nicht Begeisterung. Der Wähler ist ein harmloser Trottel, solange er nicht mies wird. Denn dann gibt er jenen ein Mandat, die seiner Wut eine Stimme geben.

Man muss das noch genauer fassen. Der Protestwähler bemerkt, wen jene hassen, denen er mittlerweile misstraut. Er wählt die Feinde seiner Gegner, selbst wenn die drei Beine oder keinen Kopf haben. Darin liegt die Verantwortung der selbsternannten Staatsparteien; ihr Zorn und die Verächtlichung des Volkes nährt die Extremisten. Man schaue auf die urliberale Handelsnation Holland: die Mehrheit der Wähler hat die Faxen dicke mit dem Migrationsregime der EU. Es kommt eine Rückbesinnung auf die kolonialen Tugenden von Minher Pepperkorn. Man schaue nach Dänemark oder Schweden, zu den früheren Horten der besonders freizügigen Menschen. Schluss mit lustig.

Wenn Politik Verwahrlosung duldet, tickt eine Uhr. Man kann mit einer Politik der notorischen Realitätsverweigerung ein Volk regelrecht überfordern; dann wird der brave Michel hinter‘m Ofen sauer und zeigt Trotz. Das sind die dreißig Prozent, über die wir uns die Augen reiben.

Ist das ein Votum für Populismus? Bricht in mir der Stammtischpolitiker durch? Ich glaube nicht. Der Ursprung des Elends ist: „Wir schaffen das.“ Das unterstellt nämlich, dass der geduldete Zustand einschließlich des politischen Schlendrians gewünscht ist. Nun, dazu werden wir gerade schlauer.