Logbuch

SCHROTT WICHTELN.

Weihnachtsfeiern gehören in Hinterzimmer. In öffentlichen Lokalen sind sie ein Ärgernis. Aber das Adventsgeschäft korrumpiert den Wirt. Ehe Du Dich versiehst, wirst Du unfreiwilliger Zeuge von Ritualen deutscher Gemütlichkeit. So gestern.

Tische sind zusammengerückt; man wartet auf Onkel Dieter, der von Oer-Erkenschwick nach Ostrowsje in Polen gezogen ist, der Lebenshaltungskosten wegen, was Tante Hilde zu verschweigen sucht, weshalb sie sagt, man wohne jetzt bei Berlin, nämlich in Frankfurt / Oder. Charlottenburg bietet keine Parkplätze, auch nicht als Vati Onkel Dieter hilft; sie kurven vergebens ewig zu zweit, während Tante Hilde auf dem Trottoir friert.

In den Feuilletons der Hauptstadt amüsieren sich die Edelfedern über der Vergottschalkung der Republik, in der grantelnde Greise gegen den Zeitgeist zu Felde ziehen. Es wird dabei ein neues Prädikat geboren: Gottschalk habe eine junge Frau in seiner Show „angeonkelt“; das findet die junge Frau in meiner Begleitung rundheraus hervorragend gesagt. Man sollte nicht erst gehen, lieber Thomas, wenn es schon eine neue Hüfte ist.

Zurück zu Onkel Dieter und Tante Hilde, die etwas zu vererben haben, also von der restlichen Familie gepflegt werden. Dieter darf anonkeln. Und er nutzt das Privileg zu allfälligen Belehrungen der jungen wie der ganz jungen Menschen am Tisch. Nur mit dem Humor, da hapert es. Partout will er nicht verstehen, warum das Oberteil der Meerjungfrau „Algebra“ heißt. Ironie geht halt gar nicht.

Das mit dem Schrottwichteln hatten eigentlich alle verstanden; außer Hilde, die angeblich eigens im KaDeWe war, wie sie verlauten lässt. Als sie ihrer Schwägerin ein Kaschmirtuch überreicht, um dann einen Melittafilter mit ohne Henkel auszupacken, wird es für einen Moment sehr still am Tisch.

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DER ERRATISCHE.

Ich verweigere mich bei ernsthaften Themen belanglosen Debatten. Ob Elon Musk sich antisemitisch geäußert hat oder nicht, ist mir egal. Ich glaube das nicht. Selbst wenn: Einer mehr, wäre natürlich wieder einer zu viel, aber der Kerl ist nur so wichtig, wie wir ihn machen.

Seine Gegner deuten an, er frühstücke durch die Nase; das mag sein. Erratisch jedenfalls ist er. Ein Verirrter. Was ich von ihm an Politischem gelesen habe, war nicht klug, aber so unvernünftig auch nicht. Er ist halt HERR IM HAUS. Ich sehe einen modernen CITIZEN CANE. Wer so bonapartistisch veranlagt ist, darf auf den Landkarten grobe Striche machen. Der Burenbengel fasziniert mich insofern. Zugleich empfinde ich ihn als unerträglich vordergründig. Ein Anwendungstechniker.

Immer ist es nur der Nachttopf mit zweiten Henkel. Ich meine diesen Erfinder des Elektroantriebs in der Raumfahrt, der mittels Batterien auf den Mars fliegt, weil wir hier auf Erden ein Volk ohne Raum sind. Wiederverwendbare Cyber-Akku-Raketen inklusive. Und damit von allen menschlichen Wesen den größten Benefit für Mutter Natur erbracht haben will. Genie, vermeintlich nah am Wahnsinn, näher am Banalen, das sich groß stellt.

Auch in Fragen der Öffentlichkeit ein Oligopolist. Auf Meinungsdruck reagiert er ruppig. Er ließe sich nicht erpressen. Mit Geld. Und die Anzeigenkunden seines Internetdienstes folgen deshalb gerade dem neuen Motto: „Go, fuck yourself!“ Mutig ist er. Was aber hält alles das zusammen?

Man muss den KAUSALNEXUS begreifen. Der Mann ist der Held einer börsengetriebenen Welt des kalifornischen Typs. Das ist der Humus, auf dem das technologisch Halbgare gedeiht, die Manie im Detail wütet, der Größenwahn weiter wächst und vielleicht auch das Frühstück erwähnter Natur. Ein Umherirrender mit Gefolgschaft.

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BOMBENSTORY.

Das amerikanische Recht lässt in manchen Gerichten wohl eine TV-Übertragung zu, was nicht unproblematisch ist, aber authentische Einblicke gewähren kann. Mich ergreift daraus die kurze Szene, in der die Richterin Mindy S. Glazer in dem Delinquenten Arthur Booth einen Klassenkameraden wiedererkennt. Und dann er sie.

Sie erinnert in einfachen Worten daran, dass man auf der Mittelschule Fußball zusammen gespielt habe. Der Straftäter sei das netteste Kind gewesen und die anderen Kids hätten zu ihm aufgeblickt. Sie habe sich immer gefragt, was aus ihm wohl geworden sei. Erst auf Erinnerung erkennt der drogensüchtige Einbrecher auf dem Richterstuhl seine alte Klassenkameradin und bricht in Tränen aus.

Eine kleine Szene, die eine ganze Tragödie in sich birgt. Zwei Biografien blättern sich auf, von der Juristin, die es geschafft hat in die Robe zu kommen, und dem schwarzen Getto-Kid, das ins Milieu abrutschte. Dann nach dreißig Jahren das unverhoffte Wiedersehen. Mitleid und Reue. Eine Gesellschaft erlaubt einen Blick in ihr Innenleben.

Friedrich Schiller hätte daraus eine Tragödie, zumindest aber eine Geschichte vom Verbrecher aus verlorener Ehre gemacht. Mich erinnert es an einen Kitschroman, die „Love Story“ des Erich Segal, über den ich vor fünfzig Jahren mal was publiziert habe. Der Roman wärmte Schillers „Kabale und Liebe“ auf. Es ging um klassenübergreifende Liebe.

Stoffe, aus denen die Träume sind. Episoden, die ganze Leben spiegeln. Ein kleiner Teil, der das Ganze zeigt. Gute Geschichten eben. Ein wenig Kitsch gehört dazu. Wir sind zur Rührung begabte Wesen.

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DEM HEINZ SEINE LEITKULTUR.

Zwei Dinge sind es, die den Charakterkopf von der Hohlbirne unterscheiden, die Zubereitung von Nudeln und der Gebrauch des zweiten Falls. Bevor wir am Genitiv verzweifeln, zunächst zur Spaghetti-Frage.

Es gibt aktuellen Anlass. Der amerikanische Lebensmittelgigant HEINZ, bekannt durch die rote Zuckersauce namens Ketchup und die gebackenen Bohnen, stellt in einer Büchse als Fertiggericht „Spaghetti Carbonara“ vor. Damit auch die Generation Z in den Genuss käme. Die Londoner Times zitiert einen römischen Koch mit der ungläubigen Nachfrage, ob das so gemacht würde wie bei Katzenfutter?

Zur Rückversicherung, wir reden über Hartgrießnudeln mit Speck aus gesalzener Schweinebacke und Hühnerei. Wir applizieren niemals Sahne, ein Sakrileg. Wer kein Guanciale hat, mag sich mit Speck vom Bauch behelfen. Aus der Verköstigung dessen, was HEINZ da in Konservendosen verfüllt hat, darf ich zitieren. Die geneigten Reaktionen fühlten sich an Babynahrung erinnert; was in unserem Kulturkreis der fabelhafte Dr. Hipp sich aber nie nicht erdreistete. An amerikanischen Babyfood also. Die weniger goutierenden Stimmen waren in Geschmack und Konsistenz an Erbrochenes erinnert. Heinz, da müssen wir noch mal ran.

Die Spaghetti Carbonara gehören zur italienischen Leitkultur; sie werden seit Generationen von den italienischen Großmüttern zur Stärkung dieses stolzen Volkes der Cäsaren bereitet. Ein wunderbares Exempel jenes Nationalcharakters, der das Alte Rom zur Ewigen Stadt hat werden lassen. Was erlauben Heinz? Übrigens ein Zuwanderer aus Pfalz, wie Trump.

Wie sagt man jetzt? Heinz‘s Spaghetti? Heinzs? Oder Heinzens? In meiner Heimat hätte man „dem Heinz seine Spaghetti“ gesagt (bei Realschulabschluss) oder „dem Heinz ihm seine“ (Hauptschule). Die vom Gumminasium hätten gewusst, dass das Gericht ein Nachkriegsprodukt aus der Verpflegung von GIs ist, die nicht auf den Gusto von „ham and eggs“ verzichten wollten. Älter ist der Nationalcharakter auf dem Teller nicht. Neoklassizismus.