Logbuch
SCHNAUZE VOLL.
Wahlen bitte sofort. Ich bin den Wahlkampf so was von leid. Alle Rollen in dem wirren Spiel erscheinen mir abgeschmackt, am meisten die der Haltungsjournalisten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich ertrage diese schlecht getarnte Scheinheiligkeit nicht mehr. Gestern berichtet die Tagesschau der ARD, also eine veritable Nachrichtensendung, ausführlich über eine Studiodiskussion des ZDF vom Vortag; selbstbezüglicher geht es nicht. Man hatte eine Stimmungskulisse über ein einseitiges Publikum johlender Art aufgebaut; welch eine Heldentat. Der ÖRR verarscht mich unter meinem Niveau.
Einige Politiker, die sich da abstrampeln, tun mir fast leid, andere kann ich nicht mehr sehen. Kurzum, ich habe es satt. Die weltweite Kränkung des linken Spektrums durch rechtspopulistische Propaganda (dazu später mehr) führt zu einem patzigen Beleidigtsein der Töchter, Muttis und Omas gegen Rechts, das ich verstehe, aber eben auch verachte. Man winselt und malt Pappschilder gegen jemand, der 211 Millionen Follower auf X hat. Die moralinsauren Ressentiments der Gutmenschen erscheinen mir erschöpft. Larmoyante Lutscher. Auch das unter meinem Niveau.
Jetzt aber zur Frechheit der Neuen Rechten: Albernes aus Absurdistan. Der Tabu-Bruch als solcher ist das Thema. Grönland kaufen, aus Gaza eine Riviera. Raketen nach Reykjavik. Pallis nach Persien. Es kommen erste Angebote. Der peinliche Zugriff eines Immobilienentwicklers, dem alles nur eine Frage des Preises. Und wie reagieren die geschockten Novizinnen? Wie routinierte Nutten, alles nur eine Frage des Preises. Aber das große Kabarett, das spielt nur in Amerika, allerdings mit Nebenbühnen in Buenos Aires und Rom. Im deutschen Vaterland ist es aller Orten betulicher. Das hiesige Schmierentheater findet nicht mal die Kraft zu großen Possen. Ich bin gelangweilt.
Wen ich wähle? Tjo, bei der Erststimme hätte ich keinen Zweifel; da gibt es am Ort eine fleißige Abgeordnete, die ich schätze. Und die alles entscheidende Zweitstimme? Meine mir von früher vertrauten Parteien haben mich beide verlassen, andere mag ich nicht, eine ganze Reihe sind unwählbar. Ich falte nur den Wahlschein, kein Kreuz. Ich erwäge „ungültig“, weil grundfrustiert. Auch das ist, ist mir klar, eindeutig unter meinem Niveau.
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WIR KAUFEN KEIN AUTO.
Gleich drei Gesprächspartner berichten mir heute von Reputationsproblemen mit ihren Autos. Das spiegelt, wenn ich drüber nachdenke, den Zeitgeist.
Ein Motorjournalist lamentiert, dass er wegen der Wahl seines Testwagens im bürgerlichen Hamburg bespuckt worden sei. Man habe ihn für einen überzeugten TESLATEN gehalten und politische Abscheu zum Ausdruck bringen wollen. Der Inhaber von Tesla rufe zur Wahl von Faschisten auf, wurde ihm wütend entgegengehalten. Die Marke hat inzwischen Schlagseite.
Nun waren Autos immer auch Prestige-Objekte. Ein Architekt erzählt mir, er sei innerhalb Berlins vom roten Kreuzberg ins schwarze Zehlendorf gezogen, nachdem sein PKW das achte Mal zerkratzt war. Hier tobt ein grundsätzlicherer Klassenkampf als beim AfD-Tesla. Da stellt sich schon die Frage, ob die Gesinnung des Fabrikherren dem Autokunden anzulasten ist. Oder den Kollegen in Brandenburg, die die Kiste zusammenkleben.
Nehmen wir die Marke mit der Pflaume. Ihr Gründer Henry war ein glühender Antisemit. Das kann hier und heute ja keinen Ford-Fahrer mehr belasten. Er hat halt wie die Manta-Bande nur einen schlechten Geschmack; das ist straffrei. Jedem Popel sein Opel. Manni Manta heißt das Mantra.
Mein Lieblingsauto war (abgesehen von einem Peugeot 504 Ti) der Phaeton von Volkswagen; eine großartige Entwicklung eines der ganz großen Konstrukteure. Und er sah aus wie ein Passat, jedenfalls für den Laien. Tolles Auto, wunderbares „Understatement“. So soll es sein.
Das hilft aber meinem dritten Mann nicht. Er hat sich beschwatzen lassen und ein chinesisches Auto erworben, eine Batterie-Schüssel mit eingebauter Videothek. Jetzt geht er der Karriere wegen ins Ausland und will das Gerät als jungen Gebrauchten verkaufen. Das geht nicht. Es gibt keinen Markt für die Batterie-Bonzenschleuder. Nein, ganz unabhängig vom Preis: Es gibt keinen Markt. Schon nicht so dolle bei Neuzulassungen, bei Second Hand regt sich schlicht gar nichts. Ich rate zu Ralf Schumacher.
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GRIMMIG GRÜN.
Zu Gast in besseren Kreisen erlebe ich beim Essen, also unter gesitteten Umständen, bei einem einzelnen Herrn die Kombi von „grün“ und „aggro“, die mich immer wieder überrascht. Jedenfalls in bürgerlichen Gefilden. Man hatte mir das Eingeständnis abgeluchst, dass ich einen Selbstzünder fahre; ich gebe acht Zylinder an, obwohl es nur noch sechs sind. Die Übertreibung wirkt. Der Teslat informiert mich über sein Drehmoment; er ließe mich an der Ampel stehen, werde ich belehrt. Dann geht der Agent des Fortschritts in den Modus der Agitation über.
In Berlin sei die Versorgung mit Ladesäulen so gut, dass man den weiteren Zubau schon gestoppt habe. Ich frage, wieviel es denn seien. Der grün gestimmte Herr schätzt 200.000. Das habe ich dann mal meine KI prüfen lassen. Die Stadt hat 3,4 Millionen Einwohner und 1,3 Millionen angemeldete Autos, denen 25.000 Ladepunkte zur Verfügung stehen, davon knapp 4000 öffentlich.
Diese Verknappung ist klug, da bei einer Million Elektro-PKW, die Sonntagnacht für Montagmorgen laden, das Netz zusammenbrechen würde. Aber es sei ja umgekehrt, nämlich so, dass eine Million Autobatterien am Freitagnachmittag den überflüssigen Ladestrom ins Netz abgeben, so dass wir ein ganzes Kernkraftwerk abstellen können. Eins von denen, die wir nicht mehr haben?
Man kann die Uhr danach stellen, was dann kommt. Kernenergie ist out, weltweit. Bauverzögerung in Frankreich, Kostenexplosion in England, fehlende Endlagerung in Bayern. Wenn man das zum x-ten Male ertragen hat, folgt das Eingeständnis, dass ideal die Doppelgarage in der Vorstadt oder auf dem Lande sei. Hier wohnt der Teslat. Und nicht im fünften Stock im Wedding.
Es gibt sie noch, die Inseln der grünen Hegemonie, immer in der Verschwisterung von autoritärem Belehrungswillen und tiefer Ahnungslosigkeit. Norwegen wird mir als Insel der Seeligen geschildert, weil keine Verbrenner mehr zugelassen würden. Nun kenne ich den nordischen OPEC-Staat recht gut, der von Öl & Gas lebt, aus Laufwasser preiswerten Strom macht und so dicht besiedelt ist wie die kanadische Steppe. Aber das macht am Tisch meine Fortschrittsfeindlichkeit nicht besser. Der Teslat erzählt von Fax-Geräten und Polaroid-Fotos.
Dann war noch von Fluggesellschaften die Rede, die den „carbon footprint“ so toll reduzieren, dass man praktisch noch was raus kriegt, umweltmäßig; wenn man in den Urlaub fliegt, an den Balaton. Wohin? Ins grüne Ungarn? In ein „wunderfeines Mamorhotel“ (Wolfgang Neuss)? Ich bin raus.
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VOLKSEMPFÄNGER.
Was haben die Millionen Filmszenen auf den Internetplattformen gemein? Allesamt, die kurzen Dokus oder die gespielten Witze, die grausame Kriegsszene, das Softporno wie die entlarvende Aufnahme übler Migranten? Sie sind Episoden.
Das ist nicht selbstverständlich. Das Leben selbst kommt ja oft langweilig daher, langatmig und unkomisch; wem sage ich das. Hier aber liegt stets in der Kürze die Würze, eine episodische. In den Sozialen Medien herrschen die Witzchenerzähler. Die Episode führt Regie. Niemand hat hier Zeit für einen Sonnenuntergang oder eine Vorlesung Kants oder einen ordnungsgemäßen Geschlechtsverkehr. Das Quicky ist Prinzip. Die Pointe ein Muss. Egal, wie abgedroschen. Episodomanie.
Vor zwanzig Jahren war die politisch-publizistische Klasse bezüglich des Netzes noch voller Euphorie; wer an der Demokratisierung der öffentlichen Rede durch die kalifornischen Oligarchen zweifelte, wurde verbannt. Ich erinnere mich, in meiner Kolumne in der FR das Internet ein „Universum unnützen Wissens“ genannt zu haben. Da war was los. Eine Fachjournalistin schrieb darauf, sie könne ein Blatt, das das drucke, nicht mehr ernstnehmen. Sie wollte mir den Mund verbieten.
Dass ich ferner auch nicht an die Batterie glaube, habe ich hier schon erwähnt. Und zur Besiedlung des Mars möchte ich anmerken, dass dieser Herr der Kriegsgott der Alten war; Krieg und große Geschäfte, was eh kein Widerspruch ist. So wie das Heilsversprechen des „Internet für alle“ eine freundliche Seite hat und die des Ares, wie die Griechen den Mars nannten. Aber das mit dem Arischen, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Jetzt sind wir in einer Welt, in der mittels KI gefälschte Doku-Szenen über Politiker in Wahlkämpfen als „Parodie“ gelten wollen, sprich Ausweis der Meinungsfreiheit. Ich sehe Aufrufe zu Pogromen im Netz mittels symbolischer Szenen, deren Pointe profane Gewalt eines Mobs ist, der sich hier motiviert und organisiert. Man muss als Deutscher fast froh sein, dass der Joseph nur das Radio hatte, den Volksempfänger. Welch ein Wort!